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15.04.2019

Siegfried, dieses Großmaul

Ironische Annäherung an die Nibelungensage

Donald Berkenhoff, Jahrgang 1951, von 2011 mit Beginn der Intendanz Knut Webers bis zur vergangenen Spielzeit dessen Stellvertreter sowie leitender Dramaturg in Ingolstadt, ist jetzt selbst unter die Autoren gegangen. An seiner bisherigen Wirkungsstätte präsentiert er das Stück „Wege des Helden. Siegfried“ – und führt bei der Uraufführung auch selbst Regie.

Berkenhoff nähert sich dem Stoff des Nibelungenlieds mit ironischer Distanz, trivialisiert das germanische Heldengedöns. Der Drachentöter Siegfried ist bei ihm ein großmäuliger Emporkömmling und Schwindler, Sohn eines Köhlers, nicht eines Königs von Xanten. Die in Worms residierende Herrscher-Familie der Burgunden erweist sich als ziemlich dämliche Bagage. Von wegen Helden – allesamt. Die lockeren Dialoge in Alltagssprache scheuen weder Albernheiten noch manch lauen Witz. Köstlich ist der dramaturgisch effektvolle Kniff, die Stimme des getöteten Drachens als Siegfrieds Alter Ego durch das Stück geistern zu lassen. Schluss mit lustig ist, wenn die isländische Königin Brünhild beklagt, wie sie durch brutale Vergewaltigung gezähmt, ihrer magischen Kräfte beraubt worden ist. Frauenrechte und ein bisschen Religionskritik sind als Fäden in die Geschichte eingesponnen.

Die Inszenierung im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt, bei der Premiere mit starkem Beifall bedacht, gestaltet sich aufwendig. Fabian Lüdickes Bühnenbild besticht durch futuristische Architektur, bestehend aus einer variablen Schräge unten und gestaffelten Elementen oben, alles in Weiß – wenn nicht illuminiert von Stefano di Buduos atmosphärisch attraktiven Videografien. Dazu fantasievolle Kostüme von Andrea Fisser und zwischendurch Puppenspiel mit den das Geschehen kommentierenden Raben.

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Ganz fantastisch aber: die schier atemraubende Neutönerei des ins Bühnengeschehen integrierten Musiker-Duos Anders Ehlin (Klavier) und Jakob Dinkelacker (Schlagzeug). Die Rolle des Siegfried ist mit dem eher zierlichen, dunkelhaarigen Enrico Spohn bewusst atypisch besetzt. Er spielt hervorragend. Alle anderen Darsteller agieren in Mehrfachbesetzungen. Im vorzüglichen Ensemble beeindrucken besonders zwei Schauspielerinnen: Renate Krollmann als Göttin Freya mit grandiosem Gesang und Andrea Frohn. Es geht unter die Haut, wenn diese Brünhild die Klage herausschreit über das, was ihr die schmutzigen Helden angetan haben.

27., 28. April; 7. und 8. Mai

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