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Bayerischen Staatsoper

14.02.2021

Streaming-Premiere: Webers "Freischütz" als moderne Räuberpistole

Showdown in der Hotel-Lobby: Max (Pavel Cernoch) zielt neben seiner Braut (Golda Schultz) auf Kaspar (Kyle Ketelsen).
Bild: Wilfried Hösl

Plus Webers "Freischütz" wird von Regisseur Dmitri Tcherniakov aus dem Rauschen des deutschen Waldes in eine Cityhotel-Lobby entführt. Funktioniert das?

Es ist ja mehr als pikant, dass in Webers Jäger-Oper "Freischütz" die Kunst, treffsicher ein Tier zu erlegen, Voraussetzung dafür ist, dass Max seine Braut Agathe erringt. In der Neuinszenierung der Bayerischen Staatsoper München aber – trotz Kurzarbeit jetzt als Streaming-Premiere herausgekommen und noch etliche Tage kostenlos als Video-on-Demand anzusehen – geht es um mehr als um das Erlegen eines Tieres. Es geht um das gezielte Erlegen von Menschen.

Passanten-Abknallen als Kadavergehorsam

Die erste Beweisführung seiner Treffsicherheit kann Max noch ablehnen: Auf Anordnung seines despotischen Schwiegervaters in spe soll er einen Passanten unten in der Straßenschlucht einer heutigen Großstadt abknallen, quasi als Demonstration seines Kadavergehorsams, da doch Max im Unternehmen des Schwiegerpapas Kuno unbedingt aufsteigen will. Er jedoch erklärt, er könne nicht auf Lebendiges schießen. Gut gebrüllt, zitternder Löwe! Doch wie will Max mit dieser Überzeugung in dieser unseligen Geschichte letztlich seine Braut erringen?

Arg spektakulär, arg steil setzt Dmitri Tcherniakovs Inszenierung des "Freischütz" ein. Sie holt diese nationale deutsche Waldoper ganz konkret in die heutige Business-Upperclass – und in die dunkel getäfelte Lobby eines Vier-Sterne-Hotels zwischen Wolkenkratzern. Säkularisiert gibt es da nichts Heiliges mehr (wie den Eremiten) und nichts Teuflisches (wie Samiel), nur noch – psychologisiert – brutale Kämpfer in eigener Sache. Dreimal schlägt Kuno in Maxens Magengrube, um ihn gefügig zu machen; als verschnürtes Packbündel schleift der traumatisierte Kriegsveteran Kaspar den bereits waidwunden Max zur Wolfsschlucht; und Ännchen überreicht vorsätzlich und maliziös lächelnd Agathe die Totenkrone. Diese bleibt hier keine Verwechslung, diese ist hier volle sarkastische Absicht einer Enttäuschten.

Agathe stirbt wirklich - wie in der literarischen Vorlage 

Und die Totenkrone ist auch ein Vorzeichen. Denn zum Finale liegt Agathe zielsicher erschossen in der Lobby – so endgültig tot wie übrigens auch in der tragischen Volkssagen-Vorlage zum "Freischütz" von Johann August Apel. Und Max, psychisch labil sowieso, dazu gedemütigt und schwer gequält, endet ob seiner Tat – wie bei Apel – im Wahnsinn. Das halbe Happy End von Webers "Freischütz" erlebt er wohl nur als Traum eines Schizophrenen, der tötete, was er liebt. Arg spektakulär, arg steil endet Regie von Tcherniakov.

Alles Naturnahe aus dem Werk geht flöten

Keine Frage, er hat etwas getan, das zu tun als Regisseur seine Pflicht ist. Er hat etwas gewagt; er hat durchaus plausibel psychologisiert; er hat den menschlich bösen Hintergrund als Kern der Sage freigelegt. Dies zu verfolgen ist durchaus spannungsreich. Aber bei allem Wagnis: Gewonnen hat Tcherniakov allenfalls halb. Seine Anlage, seine Übertragung ins Heute mit sozusagen gegenwärtigen Tatmotiven wirkt passagenweise denn doch auch wie eine auf modern getrimmte und gezimmerte Räuberpistole – mal ganz abgesehen davon, dass alles Naturnahe aus Libretto und Partitur flöten geht und die hochromantische Libretto-Sprache ("Sein Auge, ewig rein und klar, nimmt meiner auch mit Liebe wahr") dem Regiekonzept diametral entgegensteht. Das Gehen-wir-Passanten-Erschießen in der Exposition und die per Zielfernrohr professionalisierte Tötung Agathes (Videoeinblendung) bleiben schon ziemlich weit hergeholt.

Erstaunlich, wie charaktervoll und beseelt unter solchen Vorgaben dennoch gesungen wurde: Anna Prohaska ist als Ännchen in Hochform, Kyle Ketelsen übernimmt bravourös Kaspar und Samiel, Golda Schultz (Agathe) entfaltet gülden leuchtende Sopranbögen, Pavel Cernoch als psychisch zerrütteter Max glänzt vor allem in der Tief- und Mittellage.

Dirigent Antonello Manacorda und das Bayerische Staatsorchester aber waren stark gefordert, dem Bühnengeschehen musikalische Aura entgegenzusetzen.

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