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Kritik
30.07.2021

Die "Walküre" der Bayreuther Festspiele fährt zweispurig

Vorne wird konzertant gesungen, im Hintergrund fließen Farben ineinander. Die Bayreuther Festspiele bringen mit der Walküre-Aufführung Richard Wagner und Hermann Nitsch zusammen.
Foto: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Zu Wagners „Walküre“ lässt der Aktionskünstler Hermann Nitsch hunderte von Litern Farbe verströmen. Hörend kann man sich über das eine freuen, sehend über das andere.

Das Gesamtkunstwerk, zumal wie es Richard Wagner vorschwebte, ist auch der Traum jeder Intendanz. Insbesondere die Musiktheater, vor allem die Staatsopern, spannen gerne epochale Werke der Musikgeschichte mit den Bildwelten von namhaften zeitgenössischen Kunstschaffenden zusammen. Eben ist in München ein „Idomeneo“ herausgekommen, dem die britische Künstlerin Phyllida Barlow das Bühnenbild mitgab; und nun ist in Bayreuth noch eine „Walküre“ erschienen, die der österreichische Aktionskünstler Hermann Nitsch für jede Vorstellung mit jeweils drei Schütt- und Spritzbilder-Ensembles neu illustrieren lässt. Drei Aufzüge, drei zunächst unberührte weiße Bildräume, drei Mal-Schichten der rund ein Dutzend Mitarbeiter Nitschs. Sie lassen binnen guter drei Stunden hunderte von Litern Farbe eine Wand hinabrinnen – oder schleudern diese auf den Bühnenboden. Je weiter ein Aufzug fortschreitet, desto dichter die Farblandschaft. Das steht für sich.

Was auch für sich steht, das ist – vor dieser Farblandschaft – die Aufführung von Richard Wagners „Walküre“. Die Sänger betreten im Gänsemarsch und in langen schwarzen Gewändern, Büßerhemden gleich, die Bühne, setzen sich auf Stühle parallel zur Bühnenkante, stehen auf, wenn sie zu singen haben, treten ab. Vorne also eine konzertante „Walküren“-Aufführung mit überdeutlichen Bezügen zum strengen Oratorium, hinten anschwellender Farbrausch im Malsaal. Bayreuth fährt auf zwei Spuren, schön und nebeneinander. Mal hat Wagner die Nase vorn, mal Nitsch. In die Quere kommen sie sich kaum.

Nitsch wird bei den Bayreuther Festspielen als Aktionskünstler geführt

So war es bei der Generalprobe, die diesen Zeilen zugrunde liegt, und ausgeschlossen scheint, dass sich danach noch etwas Grundsätzliches im Bühnengeschehen verändert hat. Man sieht und freut sich am einen, man hört und freut sich am anderen. Man kann ja auch anderes simultan verrichten.

Die Bezeichnung „Inszenierung“ für diese Performance vermeidet Bayreuth. Nitsch wird als Aktionskünstler auf dem Besetzungszettel geführt; einen Regisseur gibt es nicht. Das Publikum ist gehalten, selbst etwaige Querverbindungen zwischen der optisch anspringenden und der akustisch anflutenden Sphäre zu ziehen. Die Muße zum Ziehen ist im vorne wie hinten stark ritualisierten Spiel vorhanden.

Vor zehn Jahren hat Nitsch in München den „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaens alles andere als unähnlich ausgestattet. Auch dort waren schon Gekreuzigte mit verbundenen Augen zu erleben, denen eine tiefrote Flüssigkeit in den Mund gegossen wurde, die dann den Körper hinab rann. Jetzt, in Bayreuth, könnten diese Gekreuzigten – mit viel gutem Deutungswillen – für die tief gedemütigten Frauen Sieglinde und Brünnhilde stehen. Aber während beim „Saint François d’Assise“ immerhin noch an eine gewisse symbolbeladene Schnittmenge zwischen christlich-katholischer Leidensgeschichte und dem Mysterien-Theater Nitschs zu denken war, bleibt es nun bei Wagner fast reineweg bei einer Parallelaktion mit vager allgemeingültiger Farbsymbolik. Die Ästhetik der Schüttbilder Nitschs und die seiner existenziellen Orgien bleibt das eine: Mitunter wünscht man sich in der Bayreuther Aufführung durchaus: Jetzt nicht mehr weiter Farbe schütten, das Bild ist vollendet!

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Aber hätte es für Nitsch nicht noch eine passendere Wagner-Oper als die "Walküre" gegeben?

Das andere aber ist Wagners germanische Tragödie um Geschwisterliebe hier, göttlichen Zwist und Machterhalt dort. Eine dazu empor- gereckte Monstranz muss befremden.

Warum nur darf Hermann Nitsch jenes Stück, das seinem Werk am ehesten angemessen sein könnte, nicht in Szene setzen: Wagners „Parsifal“ mit seinem Wundblutopfer? Da befällt Intendanten oder die Politik – bei aller Freiheit der Kunst – enormes Fracksausen.

Nicht alles, was jetzt zu hören ist in Bayreuth, stammt von den Solisten und dem Orchester. Es kommt halbminütlich auch ein Flatschen und Platschen dazu – und manchmal auch ein Geschabe, wenn die Farbe auf dem Bühnenboden mit Borstenbesen weiter verteilt wird. Einmal in der Generalprobe wendet Siegmund (Klaus Florian Vogt) beim Farbschaben den Kopf nach hinten und schüttelt ihn leicht, missbilligend. Verständlich, auch seitens des Publikums. Ob das nun verabredet oder eine spontane Reaktion Siegmunds war, blieb offen.

Nach dem Bayreuth-Debüt von Oksana Lyniv („Fliegender Holländer“) kam nun noch das Debüt des Finnen Pietari Inkinen, der 2022 auch den „Ring“ musikalisch schmieden soll. Auch er reiht sich in die Schar jener jungen Dirigenten ein, die das Auflichten von Wagners Partituren betreiben: Klar, schlank, in sich nuanciert und kammermusikalisch bewegt, drängt diese neuere Auffassung Aufladung, Gefühlswallung, Pathos zurück. Die Musik berichtet, erzählt mehr, als dass sie kommentiert. Gut fürs Ohr.

Die Solisten der "Walküre" in Bayreuth haben überzeugt

Wenn die Solisten in den beiden noch folgenden Aufführungen so singen wie in der Generalprobe, wird das Auditorium jubeln, besonders hell über Lise Davidsen und ihrem vor Volumen strotzenden Sopran (Sieglinde), über Klaus Florian Vogt, der nun nach Lohengrin und Parsifal auch den Siegmund mit Orientierung an Lied und Kantate singt, über Dmitry Belosselskiys Hunding, quasi ein Widerspruch nicht duldender Macho-Bass.

Dass Günther Groissböck als vornehm artikulierender, wunderbar abschattierender Wotan nach der Generalprobe absprang, ist nicht recht erklärlich. Ja, er hatte zum Generalprobenfinale einen Frosch im Hals, aber die Besetzung mit seinem (tiefen) Bass war grundsätzlich überzeugend. Für ihn sprang bei der Premiere am Donnerstag Tomasz Konieczny ein.

Vorstellungen am 3. und 19. August.

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