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Film und Fernsehen

18.07.2014

Warum in deutschen Filmen immer dieselben Schauspieler auftauchen

Christine Neubauer kommt offenbar auch in China gut an. Foto: Patrick Seeger
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Christine Neubauer gehört zu Deutschlands bekanntesten Fernsehgesichtern.
Bild: Archivfoto Patrick Seeger (dpa)

Neubauer, Ferres und Co. - in deutschen Filmen und Fernsehserien flimmern immer wieder dieselben Namen und Gesichter über den Bildschirm. Warum eigentlich?

Viele Zuschauer haben das Gefühl, dass in den Fernsehfilmen immer die gleichen Schauspieler mitwirken. Eine Zeit lang verging keine Woche ohne Christine Neubauer. Auch Veronica Ferres wird gern besetzt, und mitunter scheint die Frage, ob sie überhaupt zur Rolle passt, eher zweitrangig zu sein.

Die Sender scheuen sich, unbekannte Schauspieler zu besetzen

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, zumal es neben Stars wie Iris Berben, Heino Ferch oder Armin Rohde eine Vielzahl von Darstellern gibt, deren Namen im Gegensatz zu ihren Gesichtern kaum geläufig sind. Götz Schubert zum Beispiel ist gern gefragt, wenn es darum geht, in Melodramen und Liebesgeschichten sensible Männer um die fünfzig zu verkörpern.

Noch öfter ist Martin Brambach im Einsatz. Der Berliner mit der markanten Stimme hat schon in unzähligen Krimis mitgewirkt. Er ist ein großartiger Schauspieler, muss aber meist zwielichtige Typen spielen.

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Fragt man Regisseure, Produzenten oder Schauspieler, warum unbekannte Darsteller keine Chance bekommen, ist die Antwort stets die gleiche: Die Sender scheuten das Risiko. Eine Frau, die als Casting Director (Besetzungs-Chef) in Absprache mit Regisseur und Redaktion Ensembles zusammenstellt, wirft den Sendervertretern vor, sie hätten „am liebsten immer die populärsten Namen“; da sei man machtlos, denn „wer zahlt, schafft an.“

Das Thema gilt als vermintes Gelände

Sie verweist allerdings auch darauf, dass die Anzahl der Drehtage immer kleiner werde, „deshalb muss alles zack-zack gehen. Die Nebendarsteller kommen an den Drehort und müssen ihren Text abliefern. Da nimmt man natürlich lieber Schauspieler, die schon oft bewiesen haben, dass sie so was können.“

Ein bekannter Schauspieler bestätigt diese Einschätzung, möchte aber nicht namentlich zitiert werden: Das Thema sei „vermintes Gelände“. Regisseure setzten sich durchaus für weniger bekannte Gesichter ein, aber die Sendervertreter bevorzugten „aus Angst vor einer schlechten Quote oder einfach aus Gewohnheit die ihnen bekannten Gesichter.“

ZDF-Fernsehfilmchef Reinholt Elschot kann sich allerdings nicht erinnern, je „einen einleuchtenden und guten Vorschlag abgelehnt zu haben.“

In der ARD waren Hauptrollen lange für Christine Neubauer und Thekla Carola Wied reserviert

Bei der ARD-Tochter Degeto wurde dagegen offenbar gern mal ein Veto eingelegt. Die Hauptrollen der Freitagsfilme im Ersten waren lange für beliebte Schauspielerinnen wie Christine Neubauer und Thekla Carola Wied reserviert. Das hat sich erst im Zuge der neuen Geschäftsführung geändert.

Mittlerweile werden deutlich „jüngere“ Geschichten erzählt, sodass in dem Bodenseefilm „Die Fischerin“ auch jemand wie Alwara Höfels („Keinohrhasen“) besetzt werden konnte. Elschot verweist auf die neue Samstagskrimireihe „Kommissarin Heller“ mit Lisa Wagner.

Die ist trotz Grimme-Preis für einen „Tatort“ noch kaum bekannt, aber das sei laut Elschot angesichts ihres guten Eindrucks beim Casting völlig egal gewesen. Degeto-Redaktionsleiter Sascha Schwingel vertraut bei der Besetzung ebenfalls lieber seinem Gefühl. „Bei der Umsetzung eines Stoffes gibt es nur eine Maxime: Mit welchen Darstellern erreicht ein Film die größtmögliche Emotionalität?“

Auch Elschot fragt sich jedes Mal, wie man das Publikum am besten erreiche: „Dass man dabei eher auf Schauspieler kommt, von denen sich die Zuschauer gern durch einen Film geleiten lassen, ist ein ganz normaler Vorgang.“

Ganz ähnlich argumentiert Gebhard Henke. Der Leiter des WDR-Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie rechtfertigt die Besetzungsweise mit dem Hinweis auf die „Tradition, dass Menschen ins Kino gehen, um den neuen Film eines Schauspielers zu sehen. Das ist im Fernsehen nicht anders, schließlich bedienen wir ein Massenmedium.“

Das Fernseh-Publikum sucht nach Verlässlichkeit, heißt es beim NDR

Und Henke weiter: „Deshalb werden bestimmte Schauspieler öfter besetzt: weil die Zuschauer sie gern sehen; und weil sie in der Regel nicht nur populär, sondern auch gut sind.“

Im Fernsehen, ergänzt Christian Granderath, Leiter der Abteilung Fernsehfilm, Spielfilm und Theater beim NDR, suche das Publikum nicht nach neuen Geschichten und Gesichtern, sondern nach Verlässlichkeit.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Vermarktung. Auf der Couch von „Wetten, dass..?“ zum Beispiel sitzen neben den Hollywood-Stars immer auch deutsche Kollegen, die kurz drauf in ZDF-Filmen zu sehen sind. Programmzeitschriften und bunte Blätter schmücken ihre Titelbilder ebenfalls gern mit deutschen Schauspielerinnen, aber in der Regel nur solchen, die laut Schwingel „aufgrund ihrer Popularität ein gewisses Medieninteresse wecken.“

Granderath wirft der Presse gar „Heuchelei“ vor: Einerseits werde die vermeintliche Einfallslosigkeit bei der Besetzung kritisiert, andererseits ernte er bloß mitleidiges Kopfschütteln, wenn er bei einem unbekannten Darsteller auf ein Porträt hoffe.

Viele Schauspieler wissen außerdem genau, wie Marketing funktioniert; erst recht jene, die ihre Popularität nicht in erster Linie ihrem Talent verdanken, sondern der Tatsache, dass das Publikum ihren Typus schätzt. Wenn die, so Granderath grimmig, „durch die einschlägigen Medien irren, werten manche Macher dies als Garantie für den Erfolg eines Films.“

Moderatoren haben einen hohen Identifikationswert

Moderatoren von Shows oder Nachrichtensendungen sind besonders wertvoll, sie haben einen hohen Identifikationswert: Markus Lanz und Claus Kleber stehen für das ZDF, Peter Kloeppel für RTL.

Schauspieler aber lassen sich als Künstler nicht an einen Sender binden. Trotzdem gibt es auch hier Verbindungen. Das gilt dank diverser Erfolgsserien vor allem für Sat.1 und Henning Baum („Der letzte Bulle“) oder Annette Frier („Danni Lowinski“).

Alexandra Neldel hat für den Privatsender mit „Verliebt in Berlin“ die erfolgreichste Telenovela des deutschen Fernsehens gedreht und die Zusammenarbeit mit der „Wanderhuren“-Trilogie vertieft. Christoph M. Ohrt ist dank der Serien „Edel & Starck“ sowie „Allein unter Bauern“ ebenfalls ein „Sat.1-Gesicht“, zumal er auch viele Filme für den Sender dreht.

Heino Ferch dagegen ist neben der Krimireihe „Spuren des Bösen“ auch sonst im ZDF viel präsent. Gleiches gilt für Iris Berben, die außer als „Rosa Roth“ auch immer wieder in aufwendigen Mehrteilern („Die Patriarchin“, „Afrika, mon amour“, „Krupp“) zu sehen war.

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