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Literatur

23.02.2019

Wenn alte Bücher Krimis bergen

Christopher de Hamel auf Erkundung.
Bild: National Library of Wales

Mittelalterliche Handschriften können ziemlich aufregend sein. Christopher de Hamel beweist das mit einem Band voller bemerkenswerter Geschichten

Mister Dunwoodle muss ein besonderer Lehrer gewesen sein. Im fernen Neuseeland kam er eines Tages mit seinem Plattenspieler in den Lateinunterricht und legte Carl Orff auf. Nach Cäsars trockenem „Gallischem Krieg“ waren die „Carmina Burana“ mit ihren markigen Rhythmen und den sinnlichen Texten über saufende, liebestolle Scholaren so etwas wie „Sex and Drugs and Rock’n’Roll“ auf Latein. Zumindest für die „hormonell aufgeladenen Jungs“ einer prüden Knabenschule Mitte der 1960er Jahre. Christopher de Hamel schwärmt heute noch, und womöglich hat ihn dieses Erlebnis so nachhaltig aufgewühlt, dass aus ihm ein Experte für mittelalterliche Manuskripte geworden ist.

Ein Dutzend der bedeutendsten Handschriften hat der inzwischen 68-jährige Bibliothekar nun in seinem Buch „Pracht und Anmut“ beschrieben. Selbstverständlich ist das legendäre „Book of Kells“ darunter, das kurz vor 800 entstanden sein dürfte. Zur Auswahl gehören auch die „Leidener Aratea“ aus der Karolingerzeit mit ihren herrlichen Sternbildern. Oder das Augustinus-Evangeliar aus dem 6. Jahrhundert. Das hat dem Autor ein Treffen mit Benedikt XVI. beschert.

Damit ist auch schon das Außergewöhnliche an de Hamels 750-Seiten-Brocken angedeutet: Er hat zu jedem Objekt mindestens zwei, drei tolle Geschichte parat. Zum Beispiel über das mysteriöse Verschwinden des „Book of Kells“ aus dem Trinity College in Dublin. 1874 war das, und die Zeitungen überschlugen sich mit Mutmaßungen. Am Ende hatte der College-Bibliothekar diesen frühen Gipfel abendländischer Buchmalerei nach London ans British Museum gebracht, um dort Rat für eine neue Bindung einzuholen.

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Mit dem „Book of Kells“ unterm Arm einfach mal nach London zu fahren, ist schon bizarr. Ein solcher Transport wäre heute völlig undenkbar. Bücher dieser Klasse dürfen nicht mehr reisen, wenn überhaupt, dann in gefederten Klimakisten. Und auch das macht den Restauratoren Bauchschmerzen, gerade Miniaturmalerei ist eine höchst fragile Angelegenheit, zu leicht blättert Farbe ab. Irrwitzige Summen wie die gut 30 Millionen US-Dollar, die Bill Gates 1994 für Leonardo da Vincis Codex Leicester bezahlt hat, sind allerdings kein Phänomen unserer Zeit. Vor 100 Jahren kam das kostbare kleine Stundenbuch der Johanna von Navarra bei Sotheby’s für seinerzeit sensationelle 11800 Pfund unter den Hammer. Ein Vertreter des Barons Edmond de Rothschild und ein sehr betuchter Bibliothekar lieferten sich eine heiße Bietschlacht, bei der der bürgerliche Bücherwurm unterlag. Und Rothschild besaß unter anderem schon die „Très Belles Heures“ des Herzogs von Berry.

Das brachte den unersättlichen Hermann Göring auf den Plan. 1942 ließ sich Hitlers „Reichsmarschall“ das Stundenbuch der Johanna unter den von den Nazis „sichergestellten Kulturgütern“ in Paris beschaffen – dann verlor sich jede Spur. Nach dem Krieg wurde Edmonds Tante Alexandrine de Rothschild vom Finanzministerium in Bonn eine Entschädigung über 17,5 Millionen Mark zugesprochen. Glücklicherweise ist das Buch wieder aufgetaucht, und nach jahrelangen Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland liegt das Stundenbuch seit den 1970er Jahren in der Bibliothèque nationale in Paris.

In den frühen 70er Jahre kam Christopher de Hamel nach München an die Bayerische Staatsbibliothek. Dort werden die eingangs genannten „Carmina Burana“ seit 1806 aufbewahrt und de Hamel durfte die 800 Jahre alte Gedicht- und Liedsammlung aus dem Kloster Benediktbeuern im Original studieren. Und natürlich hat er nicht nur nach erhabenen Psalmen und moralisierenden Gedichten gesucht. Sondern auch – die Schule prägt halt – nach verspielten Hütermädchen, lüsternen Burschen und überschäumenden Humpen.

Der leidenschaftliche Paläograf de Hamel erzählt das alles mit feiner Selbstironie und viel britischem Humor. Und trotz mancher Weitschweifigkeit lesen sich seine sehr fundierten Buch-Porträts zuweilen wie ein Krimi. Mehr kann man für mittelalterliche Manuskripte, ja die Schriftkultur an sich nicht tun. In Zeiten übereifriger Digitalisierung macht das freilich auch wehmütig.

Pracht und Anmut. C. Bertelsmann, 752 S., 48 ¤

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