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Verhüllter Reichstag

24.06.2020

Wie Christo in Berlin eine figurbetonte Fata Morgana schuf

Das Unsichtbare verfremdet sichtbar machen wollte der kürzlich verstorbene Künstler Christo mit der Verhüllung des Reichstages. Fünf Millionen Menschen kamen, um das Werk zu bestaunen.
Bild: Ulrich Wagner

Vor 25 Jahren verhüllte der jüngst verstorbene Künstler den geschichtsträchtigen Reichstag in Berlin. Er war nicht der einzige Künstler, der dort Hand anlegte.

Im Namen des Volkes: Was hat dieses monumentale Bauwerk, in dem so viel politische Architektur entworfen wurde, nicht alles an Hochdramatischem schon erlebt! Der Reichstag in Berlin ist steingewordene deutsche Geschichte seit dem Kaiserreich; hier ereigneten sich hohes Pathos und niedere Instinkte – wie die Ausrufung der Republik 1918 einerseits und die Instrumentalisierung des Reichstagsbrands durch die Nazis 1933 andererseits.

Hier reichten sich Tod und neues Leben die Hand, als 1945, unmittelbar vor dem Weltkriegskampf um Berlin und die Einnahme des Symbols Reichstag durch das Hissen der Sowjetfahne auf dem Dach, noch Berliner Kinder im Luftschutzbunker der ausgelagerten gynäkologischen Charité-Abteilung geboren worden waren. Und hier, direkt am einstigen Mauer-Todesstreifen, wurde am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit gefeiert.

Ein im Schlechten wie im Guten schwer kontaminiertes Terrain also, das schon 1894 anlässlich seiner Fertigstellung seitens der Architekturkritik als ein „Leichenwagen erster Klasse“ tituliert worden war.

Wie Christo in Berlin eine figurbetonte Fata Morgana schuf

Jahrzehnte lang gab es Debatten

Man sollte all dies und noch mehr wissen, um wirklich ermessen zu können, was es bedeutete, als Christo, der vor dreieinhalb Wochen 84-jährig verstorbene Verhüllungskünstler, sich von 1972 an erbot, den Reichstag in Berlin temporär unter Folie zu verbergen. 23 Jahre also trat er für dieses Projekt ein; 22 Jahre lang gab es Debatten, Ablehnung, Unverständnis, Streit zu seinem Ansinnen.

Nicht wenige Politiker hielten Christo für einen Scharlatan, nicht wenige auch trugen stärkste Bedenken angesichts des wahrlich geschichtsträchtigen Orts. Dort, so lautete mancher Befund, habe man sich keinen Jux zu leisten. Aber Christo, der bei seinen Projekten im Grundsatz von ästhetischen und, wie er selbst erklärte, „absolut nutzlosen“ Kriterien getrieben wurde, war sich – zumal als bulgarischer Ost-West-Flüchtling – sehr wohl bewusst, dass eine Verhüllung im einst geteilten Berlin, an einem ehemaligen Kristallisationspunkt des Kalten Kriegs, auch eine enorme politische Dimension haben würde: „Berlin war der einzige Ort, der Westen und Osten zugleich war.“

Das eingehüllte Reichstagsgebäude 1995 in Berlin machte Christo hierzulande berühmt.
18 Bilder
Die beeindruckenden Werke von Christo 
Bild: Ulrich Wagner

Und so wurde, als der Bundestag 1994 in Bonn mit 292 gegen 223 Stimmen für das Projekt plädierte – Kanzler Helmut Kohl war engagiert dagegen, Ex-Kanzler Willy Brandt war engagiert dafür –, ausgerechnet in Deutschland eine Kunstaktion auf den Weg gebracht, die unter allen Projekten von Christo und seiner Frau Jeanne-Claude den mit Abstand höchsten politischen Charakter trug: „Wrapped Reichstag“.

Silbrig glänzte das Polypropylen

Sie funktionierte bewegend. Als heute vor 25 Jahren die Reichstag- Verhüllung mit 100.000 Quadratmetern silbrig glänzendem Polypropylen-Gewebe und gut 15 Kilometer langem blauen Seil perfekt war, begann in Berlin für gut 14 Tage ein ausgelassenes, überdies zweifelfreies Sommermärchen. Fünf Millionen Zuschauer kamen; Staunen und Verzückung herrschten allenthalben; Deutschland zeigte sich aufgeschlossen, locker, tolerant, mondän – und später gestand auch der ehemals vehemente Gegner Wolfgang Schäuble: „Meine Ablehnung war ein Irrtum.“

Der Reichstag war ganz und gar nicht von seiner geschichtlichen Bedeutung entweiht worden, im Gegenteil: Christos Kunst triumphierte, indem er das Unsichtbare in neuer Weise, verfremdet, sichtbar machte. Plötzlich rückten die vier Flankentürme besonders in den Blick. Der Reichstag schimmerte wie eine figurbetonte Fata Morgana – kurz vor seinem Umbau zum Bundestagsgebäude. Eine in Maßen vergleichbare politische Dimension wird in Christos Kunst allenfalls posthum stattfinden, wenn 2021 der Pariser „Arc de Triomphe“, dieser französischer Vaterlandsaltar für die Siege Napoleons und die französischen Opfer des Ersten Weltkriegs verhüllt wird. Diesen Sommer schon, ab 1. Juli, zeigt übrigens das Pariser Centre Pompidou eine große Christo-Schau.

Die Künste sollen die Politik feiern

Christos Reichstag-Verhüllung 1995 kann im Nachhinein als eine Verpuppung betrachtet werden – bevor aus dem in den 50er-Jahren erst gesicherten und in den 60er-Jahren umgebauten Historismus-Bauwerk von Paul Wallot der heutige Norman-Foster-Bundestag mit neuer Glaskuppel entstand. Seit der Schlusssteinlegung 1894 blieb Christo dabei nicht der einzige Künstler, der den Reichstag ästhetisch attraktiver gestaltete. Politik lässt sich immer gern auch durch die Künste feiern – ohne daraus selbst erhebliche Verpflichtungen ableiten zu wollen.

Der ursprüngliche Bau mit Renaissance- und Barock-Bezügen weist an den vier einst höheren Ecktürmen Sandsteinfiguren auf, die die deutsche Wirtschaft, die deutsche Bildung, das deutsche Militär und die deutsche Landwirtschaft verkörpern, und während dann 1999 der Bundestag von Bonn nach Berlin umzog und seine Plenarsitzungen an neuem Ort aufnahm, wurde für acht Millionen D-Mark auch eine Kunstsammlung für das Innere des Hauses zusammengetragen. Darunter sind Künstler, die aus den Ländern der ehemaligen vier Mächte stammen – etwa Christian Boltanski aus Frankreich, Grisha Bruskin aus Russland und Jenny Holzer aus den USA –, darunter sind renommierte Künstler aus den alten und neuen Bundesländern: Gerhard Altenbourg, Baselitz, Beuys, Rupprecht Geiger, Bernhard Heisig, Kiefer, Lüpertz, Katharina Sieverding und Uecker. Die Eingangshalle aber blieb zwei ganz Großen vorbehalten: Polke installierte fünf Leuchtkästen, in denen mit hintergründigem Humor auch Konrad Adenauer auftaucht; Gerhard Richter platzierte drei Glastafeln von insgesamt 21 Meter Höhe in den Farben Schwarz, Rot, Gold (Gelb):.

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