Newsticker

Robert-Koch-Institut meldet erstmals mehr als 19.000 Neuinfektionen
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Als die Amerikaner nach Denklingen kamen

70 Jahre Kriegsende

25.04.2015

Als die Amerikaner nach Denklingen kamen

Die Amerikaner vor dem Anwesen „Beim Karlbauer“, dem Elternhaus von Hermann Sporer. Xaver Niedermeyer fotografierte die Szene im April 1945 verbotenerweise von seinem Anwesen aus.
Bild: Xaver Niedermeyer

Vor 70 Jahren nahmen die US-Soldaten den Ort ohne Gegenwehr ein. Dabei hätte auch alles anders ausgehen können.

Wenn sich Hermann Sporer an den Nachmittag des 27. April 1945 zurückerinnert, an die Stimmung, die damals im Dorf geherrscht hat, dann sagt er: „Das war ganz komisch.“ Keiner habe gewusst, was los ist, was zu erwarten sei. Hermann Sporer war zwölf Jahre alt, als der Krieg endete und die Amerikaner sein Elternhaus in der Ortsmitte zu ihrem Hauptquartier machten. Die Dorfbewohner hatten an diesem Nachmittag an der Kirche die weiße Fahne herausgehängt. Die Amerikaner hatten noch ein paar Schüsse abgegeben, zur Warnung vermutlich. Aber schließlich nahmen sie den Ort ein, ohne Kämpfe, ohne Blutvergießen. Dabei hätte auch alles anders ausgehen können.

Fünf Tage zuvor haben die Amerikaner die Donau überschritten. Die Nachricht verbreitet sich auch in der Region schnell, von Mund zu Mund wurde die Neuigkeit weitergegeben. Es sind Tage der Angst, der Unsicherheit. „Keiner wusste, was die Amerikaner bringen“, sagt Paul Jörg, der Denklinger Ortschronist. Jedes Dorf, jede Stadt soll bis zum Ende verteidigt werden, so gibt es das SS-Regime auch noch in den letzten Tagen des Krieges vor. Wer eine weiße Flagge aus dem Fenster hängt, soll sofort erschossen werden. „Wenn da ein cholerischer SS-Mann vorbeigekommen wäre, dann hätte das auch wirklich passieren können“, sagt Jörg. In Denklingen habe es allerdings trotzdem so etwas wie eine stillschweigende Übereinkunft gegeben: Das Dorf sollte nicht verteidigt werden.

Als die Amerikaner am Nachmittag des 27. April am westlichen Ortseingang stehen, hängt die weiße Fahne allerdings noch nicht an der Kirche. Die US-Soldaten schießen einige Panzersalven in die Luft. Eine schlägt in das Dach des Hauses Mitgefaller ein, ist in der Chronik zu lesen. Auch am Anwesen Schelkle brennt es. Erst als das weiße Tuch an der Kirche flattert, stellen die Amerikaner das Schießen ein, erzählt Hermann Sporer. Plötzlich taucht ein junger Mann auf einem Fahrrad auf, ein Fremder. „Der hatte eine Panzerfaust auf dem Rad“, sagt Sporer. „Wenn der die losgelassen hätte“, fügt er hinzu und lässt das Ende des Satzes offen. Der junge SS-Mann postiert sich bei der Gemeindewaage im Unterdorf und will sich den Amerikanern entgegenstellen. Sporers Vater und der Nachbar Herz rennen auf die Straße, wollen ihn verscheuchen. Er könnte sie schließlich alle in Gefahr bringen. Sie rangeln mit ihm, nehmen ihm das Rad ab. Er holt es sich zurück und radelt ins Oberdorf.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Am Hof der Familie Leistle stellt er sich wieder mit der Panzerfaust auf, bereit, die anrückenden Soldaten zu bekämpfen. Franz Leistle, sein Bruder Konstantin und der Ortspolizist Georg Wenninger wollen ihn von seinem Vorhaben abbringen, erzählt Chronist Paul Jörg. In einem Handgemenge nehmen sie ihm schließlich die Panzerfaust ab.

Der Mann sei wahrscheinlich ein fanatisierter Ideologe gewesen, sagt Jörg. „Aber er hätte großes Elend über das Dorf bringen können.“ Denn die Amerikaner waren nicht zimperlich, sobald Widerstand gezeigt wurde. In Osterzell sterben in diesen Tagen noch zwölf Menschen, weil versprengte Nazis sich nicht ergeben wollen. In Memmingen fallen 300 Menschen einem Luftangriff zum Opfer.

Als die Panzer in Denklingen einrollen, blickt Hermann Sporer aus dem Fenster. Der erste hält gegenüber dem Anwesen Waibl. Ein farbiger Soldat steigt aus, kommt mit dem Gewehr im Anschlag auf das Haus der Sporers zu. „Ich habe mich so erschrocken, dass ich mich im Keller versteckt habe“, erzählt Hermann Sporer und lacht. Er habe doch noch nie zuvor einen Farbigen gesehen.

Ein Teil der Amerikaner quartiert sich im Haus der Sporers ein, die Familie muss bei Nachbarn unterkommen. Rund 100 US-Soldaten sind in den ersten Wochen nach dem Einmarsch im Ort, ist in der Chronik zu lesen. Nach deren Abzug kamen noch einmal 600. Wieder kommt ein Teil im Haus „Beim Karlbaur“ unter. „Die waren superanständig“, erzählt Sporer heute. Einer habe ihm ein Stück Weißbrot geschenkt, „so ein gutes Weißbrot war das“. Es sind diese Dinge, die ihm von der Besatzung in Erinnerung geblieben sind. „Wir waren ja Kinder“, sagt er. „Wir haben nicht so viel darüber nachgedacht.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren