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Seestall

28.10.2016

Eine Kroboth hat kaum einer

Im Jahr 1953 entstand diese Aufnahme mit der Belegschaft und der Rollerproduktion der Kroboth-Werke.
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Im Jahr 1953 entstand diese Aufnahme mit der Belegschaft und der Rollerproduktion der Kroboth-Werke.
Foto: Archiv Kurth Kroboth

Vor über 60 Jahren wurden in Seestall Motorroller und Kleinwagen gebaut. Heute weiß fast niemand davon. 

Kaum jemand weiß heute noch, dass vor über 60 Jahren in Seestall Motorroller und Kleinwagen gebaut wurden. Doch zumindest eine Handvoll ehemaliger Mitarbeiter der Kroboth-Werke hält die Erinnerung wach. Sie trafen sich erst kürzlich wieder zum Austausch von Erinnerungen bei Josef Graf in Issing.

Einen besseren Ort für die Zusammenkünfte, die man seit 15 Jahren abhält, könnte es nicht geben. Denn Josef Graf hat in seiner Oldtimer-Tenne gleich fünf Fahrzeuge aus der Kroboth-Produktion stehen. Dies ist seiner Ansicht nach wohl die umfangreichste Sammlung weltweit. Neben vier Rollern unterschiedlicher Baureihen ist es einer der legendären Allwetterroller, der dreirädrige Kleinwagen, von denen nach den wenigen Quellen, die es heute gibt, nur 55 produziert worden seien. Die Zahl der in Sammlerkreisen erhaltenen Exemplare schätzt Graf auf gut ein halbes Dutzend.

Zu bewundern war Grafs Kleinwagen zuletzt im Schaufenster eines Landsberger Modegeschäfts am Vorderanger. Die absolute Seltenheit dieses Stückes belegt, dass vor drei Jahren ein Sammler bereit war, dafür einen hohen fünfstelligen Euro-Betrag zu investieren. Seinen habe er aus Österreich „vom Schrott“ und dann in seiner Werkstatt liebevoll hergerichtet. Ganz anders der 1954 gebaute Roller, der drei Jahre zugelassen war und dann zugedeckt in einer Garage stand. Ein Glücksfall, meint Graf. Beharrlichkeit zahlte sich aus bei dem wuchtigen und sehr schweren Exemplar. Von dem hatten sich nach vielen Anläufen der frühere Denklinger Rektor Reinhold Eidam und seiner Frau Bianca getrennt.

Einer dieser Roller war der Auslöser für die Treffen der Ehemaligen. Ein Bekannter habe ihn darauf angesprochen, dass er bei einem Oldtimertreffen einen Roller gesehen habe, der in unserer Gegend hergestellt worden sei, erzählt Gerd Dürmuth. Als früherer Kroboth-Lehrling habe er natürlich sofort gewusst, um was es sich dabei handele. Und so wurde der Kontakt zu Josef Graf hergestellt, der von da an in den Hof an seiner Tenne einlädt. Fünf „Krobothianer“ sind es dieses Mal, die naturgemäß deutlich über 70 Jahre alt sind. Es seien schon bis zu zehn der insgesamt 40 Mitarbeiter beim Treffen gewesen. Doch einige seien gestorben oder auf Grund ihrer Gesundheit nicht mehr in der Lage, nach Issing zu kommen. Sogar der Neffe Kurt Kroboth aus Friedberg war schon einmal mit dabei. Bruchstückhaft sind die Erinnerungen an den Firmenchef Gustav Kroboth und die Arbeit im Werk. Als Lehrling habe man in der Woche fünf Mark erhalten, erinnert sich Georg Fischer. Nach dem Aufräumen am Samstag wartete man stets auf den Chef und diesen Lohn. Doch wenn der nicht flüssig war, gab es auch schon mal gar nichts. Lehrlinge gab es viele in den Kroboth-Werken, von den 31 Arbeitern in der Halle waren es 15. Und Konrad Fischer ergänzt, dass man als Stift schon um 5 Uhr im Betrieb sein musste, um den Ofen anzuheizen, mit dem Aluminium geschmolzen wurde. Edith Prestele, wie sie damals noch hieß, berichtet von Apfelschneidern, die sie produziert habe. Aber es gab auch aus Blechstreifen zusammengelötete Blumenübertöpfe, die sie in ein Bad mit weißer Farbe tauchte. Dabei habe sogar Kroboths Schwiegermutter Frau Soba mitgeholfen. Und eines Tages habe sie das Innere einer Industriespülmaschine mit Lösungsmittel säubern müssen, gibt sie Einblicke in die verblüffend weite Produktpalette des Betriebes. Von den Dämpfen sei ihr so schlecht geworden, dass sie der Chef nach Hause geschickt habe. Richtig besorgt sei er gewesen, erinnert sie sich. Privat hatte die Arbeit bei Kroboth für Edith Prestele auch eine besondere Bedeutung. Denn dort lernte sie Josef Beier kennen, mit dem sie bis heute verheiratet ist und der auch beim Treffen dabei ist. Ohnehin hätte „jedes zweite Haus“ in Seestall mit dem Betrieb zu tun gehabt. Es gab ja sonst wie auch heutzutage praktisch keine andere Arbeitsmöglichkeiten am Ort. Doch auch aus Asch und Unterdießen seien Leute zum Arbeiten nach Seestall gekommen. Günther Kraus, der Seestaller Dorfchronist, der als „Junior“ in der Runde quasi berufsmäßig teilnimmt, erinnert sich an die Lastwagen mit Karosserieteilen, die er als Schulbub vor der Fabrik habe stehen sehen. Auch das Verpacken eines Großauftrages bis nach Indonesien ist im Gedächtnis geblieben.

Umso schmerzlicher sei der Niedergang des Werkes Mitte der 1950er-Jahre gewesen. Man habe auch nach dem Konkurs noch seine Ausbildung zum Maschinenschlosser zur Ende bringen können. Bei der Gesellenprüfung hätte man alle durchkommen lassen, obwohl man in der Lehre nicht allzu viel gelernt habe, erzählt Georg Fischer. Denn schließlich hätte es ja keinen Betrieb mehr gegeben, um das letzte Jahr zu wiederholen. Auch später habe er mit Kroboth zu tun gehabt. Nach nur zwei Fahrstunden erwarb er nämlich bei ihm den Führerschein. 30 Mark habe das damals gekostet, weiß Fischer noch.

In die Werkshallen im nördlichen Teil der Seestaller Ortsstraße zog nach der Geschäftsaufgabe zunächst die Schlosserei Goller, dann der Ladenbau Simberger ein, weiß Günther Kraus. Letztere Firma riss die Gebäude ab und errichtete auf dem Grundstück ein Doppelhaus.

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