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18.08.2015

Gestalter, Denker und Lyriker

Philipp Luidl ist am 12. August gestorben. 

Philipp Luidl, der bekannte Typograf aus Dießen, ist mit 84 Jahren gestorben

Das Wort war sein Leben. Das gedachte, das geschriebene, das gestaltete. Als ihn das Wort vor geraumer Zeit verlassen hatte, schickte er sich an zum Abschied nehmen. Der international gewürdigte Typograf und Lyriker Philipp Luidl starb am 12. August. In seinem Heim in Dießen, jenem Ort, wo er am 11. Dezember 1930 in der Fischerei auf die Welt kam.

Generationen von Schriftsetzern, grafischen Gestaltern, Formgebern der Zeit verdanken ihm ihre berufliche Qualifikation. „Als Angehörige des grafischen Gewerbes ist für uns die Schrift und die Ausformung zum Bild das Fundament unserer beruflichen Existenz“, so formulierte er es einmal. Aber es war für Philipp Luidl viel mehr. Es lässt sich kaum beschreiben, wie er vom Buchstaben zum Wort, vom Wort zum Gedicht und zur Prosa fand, und stets auch noch die Ästhetik des Schriftbildes, die Schönheit des Ganzen im Fokus hatte, wie er sein Gestalten und sein Tun mit Intellektualität, scharfem Denken, Klarheit, Ehrlichkeit und Kompromisslosigkeit gliederte, strukturierte und weitergab. Erinnern wir uns an ein Beispiel, wie er Wissen, Kenntnis, Beruf und Heimat verband: Dießen wollte er wieder mit Doppel-S geschrieben haben. Allerdings scheiterte er an der Bürokratie. Dabei ist seine Erklärung eindeutig: Das scharfe ß ist eine Ligatur (Buchstabenverbindung von zwei ss oder sz aus der frühen Satztechnik), die bei den international üblichen Schreib- und Lesegeräten wie auch im Internet nicht mehr erkannt wird und – so hat er es in seiner Publikation Die Schwabacher festgehalten – „im deutschen Schriftverkehr mit anderen Staaten schönste Blüten beschert. Entweder bleibt anstelle des ß ein freier Raum oder man erhält dafür ein B, schlimmstenfalls ein Beta.“

Wer an Philipp Luidl denkt, wird ihn sehen, wie er in seinem dunkelblauen Mantel und dem roten Schal durch Dießen geschritten ist. Immer zielgerichtet, nie verhalten oder zögerlich. Immer die Welt um sich herum beobachtend, was dann auch in seine Gedichte einfloss. Viele sind veröffentlicht in Lyrik-Bänden, die er selbst gestaltet hat, zum Teil mit Handdruck, und immer getragen von einer meisterhaften, puristischen Ästhetik. So hat sich sein Leben bewegt zwischen Typografie und Lyrik. Viele Gedichte ruhen in seinem häuslichen Schreibtisch, auf dem lediglich eine elektrische Schreibmaschine und ein Kopierer stehen. Geschrieben hat Luidl mit Bleistift auf schönem, weißem Papier, die Reinschrift erfolgte dann mit der Schreibmaschine.

Gestalter, Denker und Lyriker

Philipp Luidl war das erste von zwei Kindern der Buchdrucker-Eheleute Philipp und Therese Luidl in der Brunnenstraße. Er kam in die Volksschule in Dießen und wechselte dann an die Oberschule Weilheim. Nach dem Krieg ging er zu Jos. C. Huber in Dießen und lernte Schriftsetzer. Als Geselle sammelte er Erfahrungen bei C. H. Beck in Nördlingen, bei der Universitätsdruckerei H. Stürtz in Würzburg und bei F. Bruckmann in München. 1955 legte er die Lehrmeisterprüfung vor der Industrie- und Handelskammer München ab. Weitere Wege führten ihn zu Kastner & Callwey und zur G. Franzschen Buchdruckere. Er war in zahlreichen branchengebundenen Prüfungskommissionen Vorsitzender, Juror bei Wettbewerben und Gutachter vor Gericht. Er gilt als Anschieber und Wegbreiter der Typographischen Gesellschaft München (TGM), die vor der Ära Luidl am Einschlafen war. Luidl war auch Mitglied des Deutschen Werkbundes. Er war auch als Verfasser zahlreicher Fachbücher und Beiträgen in Fachzeitschriften und Zeitungen bekannt.

Im Alter zählten Lesungen (Gedichte und Prosa) zu seinen öffentlichen Auftritten, manchmal auch musikalisch begleitet von seiner Tochter Anja Luidl. Seine Gedichte wurden wiederholt im Jahrbuch der Lyrik gewürdigt, wo Pia-Elisabeth Leuschner einmal treffend formulierte: „Diamanten wachsen langsam, aber zu struktureller Makellosigkeit. Sie sind durchsichtig und zählen zum Unverwüstlichsten, das wir kennen. Wenn sie entsprechend geschliffen werden, wirken sie als Linsen, die unsere Sicht schärfen. Philipp Luidls Gedichte sind solche Diamanten, bleibend wertvoll im Panorama der deutschen Gegenwartslyrik.“ (bb)

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