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Seestall

08.03.2019

Hohe Auszeichnung für eine unbequeme Sozialdemokratin

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Irmlind Berg aus Seestall wurde für ihre Tätigkeit in der SPD mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet.
Bild: Julian Leitenstorfer

Irmlind Berg aus Seestall erhält die „Willy-Brandt-Medaille“. Die langjährige SPD-Politikerin hatte es in ihren 50 Jahren bei der SPD anfangs sehr schwer und stieß auf viele Widerstände.

Es war anfangs keine einfach Sache zwischen der heute 78-jährigen Irmlind Berg und der SPD. Der Ortsvorsitzende ihres damaligen Wohnortes Germering habe den Antrag fast neun Monate zurückgehalten und erst eine Nachfrage beim Bezirk habe ihr Anfang 1969 das Parteibuch beschert, erinnert sich die ehemalige Landtagsabgeordnete. Treu geblieben ist sie der Partei trotzdem und hat jetzt im 50. Jahr ihrer Mitgliedschaft die „Willy-Brandt-Medaille“ erhalten - die höchste Auszeichnung, die die Partei an Mitglieder vergibt.

Der Grund dafür, dass sie zunächst nicht aufgenommen werden sollte, sei gewesen, dass sie sich zuvor schon bei den Jungsozialisten engagiert hatte und dass sie gegen den Vietnamkrieg auf die Straßen gegangen war. Das sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern – einem Sohn und einer Tochter – heute. Sie habe nicht in die „verknöcherten Parteistrukturen“ gepasst.

Andere Politiker warfen wegen ihr hin

So habe sie in den 70er-Jahren in einer Veranstaltung ein Buch über den „dritten Weg“ vorgestellt, den Jugoslawiens Kommunisten beschritten. Nach einem Bericht in der Presse hätten in der Unterbezirkskonferenz zwei SPD-Mitglieder ein Parteiausschlussverfahren gegen sie gefordert. Als der damalige Vorsitzende Georg Kronawitter sie mit den Worten, man solle doch froh sein, ein derart engagiertes Mitglied zu haben, verteidigte, seien die zwei aufgestanden und hätten ihr Parteibuch auf den Tisch gelegt. Auch undemokratische Züge in ihrer Partei habe sie angeprangert, erzählt Irmlind Berg. So sollte die Kandidatenliste für den Kreistag im Block abgestimmt werden und als sie sich dagegen wehrte, habe der SPD-Landratskandidat völlig verärgert das Handtuch geworfen. Trotzdem erkannten einige Genossen in der Partei ihr Potenzial. Sie saß bereits ab 1972 im Germeringer Stadtrat und später auch im Kreistag.

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Irmlind Berg setzte sich für Kriegsdienstverweigerer

In Germering habe sie als Sozialreferentin den Bau von Wohnungen durchgesetzt, ein heute wieder hochaktuelles Thema, erinnert sie sich. Auch war Berg in Fürstenfeldbruck als Jugendschöffin tätig und ließ sich vom Kreistag in die Prüfungskammer schicken, die sich mit den in erster Instanz abgelehnten Kriegsdienstverweigerern befasste. Auch hier habe sie etwas erlebt, das sie für ihr Leben geprägt und fest an ihre Partei gebunden habe: In einer internen Veranstaltung des Kreisjugendrings zum Thema Kriegsdienstverweigerung im Jahr 1985 habe sie geäußert, dass jeder der jungen Männer, die zu ihr kämen, bei ihr erst mal einen Vertrauensvorschuss hätten. Dies hätte zwei CSU-Vertretern unter den Teilnehmern offensichtlich missfallen und sie beschwerten sich bei der Wehrbereichsverwaltung über Berg. Von dort kam dann ein Schreiben, dass sie aus der Kammer abberufen worden sei.

Der ehemalige Münchner OB Ude war ihr Anwalt

Den Brief habe sie am Abend dem späteren Münchner Oberbürgermeister Christian Ude gezeigt, der damals noch als Anwalt arbeitete und der habe ihr versprochen, notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht zu gehen. „Über den Fall wurde groß berichtet und eine Zeitung hatte mit ,Jagdszenen aus Oberbayern’ getitelt, was mir Zuspruch aus ganz Deutschland einbrachte.“ In der ersten Verhandlung vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht in München erhielt sie Recht und die beiden, die sie angezeigt hatten, bekamen noch Schelte vom Richter, so die Politikerin. „Sie hatten fälschlich behauptet, ich habe gesagt, dass jeder Wehrdienstverweigerer bei mir durchkommt“, so Irmlind Berg.

Im Jahr 1990 kandidierte sie erstmals für den Landtag und verfehlte den Einzug nur um etwa 300 Stimmen. Anfang 1993 rückte sie für Rolf Seebauer nach und hielt im gleichen Jahr ihr Versprechen an die Landsberger Genossen, im Falle der Wahl ihren Wohnsitz in den Landkreis zu verlegen. 1994 und 1998 wurde sie für zwei weitere Legislaturperioden gewählt. Sie habe ihre Zeit im Landtag nicht nur absitzen wollen, betont sie. So habe sie sich in ihrer Zeit im Ausschuss für Landwirtschaft und Forsten für Blühstreifen und Feldhecken eingesetzt und Anträge gestellt, die vom Inhalt her dem aktuell erfolgreichen Volksbegehren zur Artenvielfalt entsprechen. Auch in Landsberg saß sie lange im Kreistag und leitete den SPD-Unterbezirk.

Mit einem Bürgermeisteramt wurde es nichts

Am meisten Spaß gemacht habe ihr aber stets die Kommunalpolitik. „Ich hätte mir auch ein Leben als Bürgermeisterin vorstellen können“, beispielsweise in Alling, der Nachbargemeinde von Germering. Dort kandidierte sie in der 80er-Jahren erfolglos.

Unter den Stimmenverlusten ihrer Partei in den vergangenen Jahren „leide“ sie, sagt Berg. Die Verantwortlichen hätten „offensichtlich die Themen aus den Augen verloren, die den Menschen wirklich wichtig sind“ und es fehle wohl auch am geeigneten Personal. Sie selbst habe sich schrittweise aus der Politik zurückgezogen, „um Jüngere ranzulassen“. Geblieben ist ihr der Vorsitz im Ortsverein Kinsau-Fuchstal, da die Genossen „ohne sie allein nicht weitermachen wollen“, sagt sie und schmuzelt. Ein anderer Grund sei auch ihre erhebliche Sehbeeinträchtigung gewesen.

Willy Brandt, den Namensgeber der Medaille, hat sie 1982 einmal getroffen, als sie ihn mit einer Gruppe Jungsozialisten besuchte. „Willy Brandt war der Visionär mit seinen Ideen von Frieden und Öffnung nach dem Osten, den wir seinerzeit für die SPD gebraucht haben“, erinnert sich Irmlind Berg. Über die Auszeichnung hat sie sich sehr gefreut. „Das ist eine überraschende und schöne Anerkennung. Ich habe vorher nichts davon gewusst.“

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