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Landsberg

28.06.2017

Ist Landsberg schon bereit für neue, moderne Wege?

Theaterleiter Florian Werner
Bild: Thorsten Jordan

Florian Werner nahm am Berliner Theatertreffen teil. TILL-Vorsitzende Sabine März-Lerch befragte den Landsberger Theater-Chef zum Richtungsstreit in der Szene. Warum auch die Meinungen der Gesprächspartner dazu durchaus konträr sind

In der deutschen Theaterszene gibt es derzeit zwei sich untereinander bekämpfende Richtungen: Das traditionelle Sprechtheater – wie es dem Publikum aus dem Programm des Landsberger Stadttheaters bislang bekannt ist – und auf der anderen Seite eine moderne, performative Richtung, geprägt von Tanz, Installationen oder eben Performances. Intendantenwechsel an zwei bedeutenden Bühnen in Berlin, möglicherweise in München, zeugen vom Grabenkampf in der Theaterwelt. Stadttheaterleiter Florian Werner war im Mai auf Einladung von TILL, den Freunden des Stadttheater Landsberg, auf dem Berliner Theatertreffen. TILL-Vorsitzende Sabine März-Lerch befragte ihn zu seinen Eindrücken zu der Spaltung, zu den allgemeinen Trends und Themen in der deutschen Theaterszene und ob es nicht auch sinnvoll wäre, in Landsberg mal etwas aus der performativen Ecke zu zeigen.

Das alljährliche Berliner Theatertreffen, das Branchenereignis der Szene schlechthin, ausgerichtet von den Berliner Festspielen, gilt als richtungsweisend im Bereich der künstlerisch-innovativen Theaterinszenierung. Wer eine von insgesamt zehn Einladungen zur Aufführung bei diesem Treffen erhält, darf sich zu den bemerkenswertesten Produktionen der Saison im deutschsprachigen Raum zählen. Florian Werner hat sich sechs davon angesehen. Von „bombastisch“ bis „nicht mein Fall“ war alles dabei. Doch Sabine März-Lerch interessierte weniger eine inhaltliche Zusammenfassung, vielmehr wollte sie zunächst die Grenzen des Theaters diskutieren. Was ist möglich und was darf aus ethisch-moralischer Sicht nicht gezeigt werden, vor allem im Bereich Gewalt, Sexualität, Krieg? Wie weit reicht die künstlerische Freiheit? Wo fängt der Voyeurismus an? Wo der Missbrauch? Und wie weit darf man auf der Bühne gehen, um das Böse darzustellen?

„five easy pieces“, ein Stück des Schweizer Regisseurs Milo Rau über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux wird ausgerechnet von Kindern zwischen 8 und 14 Jahren gespielt. Mehrere Städte haben bereits eine Aufführung verboten oder zumindest versucht, diese zu verhindern. Ein Skandal? Florian Werner sieht einen Missbrauch der darstellenden Kinder nicht und beruft sich weitgehend auf die künstlerische Freiheit. Eine einzige grenzwertige Situation hätte es gegeben, alles andere sei weitgehend feinfühlig umgesetzt worden. Solange es Zuschauer gäbe, die sich kritisch damit auseinandersetzen, solange das Publikum aus der Reserve gelockt werden kann, habe das Stück seine Berechtigung. Ob es einem gefalle, sei eine andere Sache.

Diskutiert wurden weiterhin: Die geringe Präsenz von Regisseurinnen (Werner: „War kein Thema“), die bombastische Maschinerie bei den Räubern aus dem Münchner Residenztheater (Werner: „Intention der Maschine war nicht nachvollziehbar“), die zunehmende Verbreitung politisch brisanter Themen im Theater (Werner: „Erhobener Anspruch wird derzeit nicht erfüllt“) und schließlich die eingangs aufgeworfene Frage nach dem Sinn der Performance-Kunst im Theater. Der Nachwuchsregisseur des vergangenen Jahres, Ersan Mondtag, ausgezeichnet nicht nur als Theaterregisseur, sondern auch als Bühnen- und Kostümbildner, bewegt sich zurzeit scheinbar mühelos zwischen den Feldern Theater und Musik, Performance und Installation. Sein neuestes, in Berlin gezeigtes Werk „Vernichtung“ setzt sich mit der Frustration der Konsumgesellschaft auseinander, die letztendlich aus narzisstischen Motiven ihre Staatsform, die Demokratie selbst zerstört. Ein bild- und tongewaltiges Werk. Es funktioniert, sagt Werner dazu, aber schön war es nicht.

Ersan Mondtag wendet sich generell gegen die auch in der Theaterwelt vorherrschende Haltung des „Zuschauerzahlen-sind-alles“-Prinzips. Gängigen Intendanten- oder Dramaturgen-Vorstellungen davon, wie ein Theater zu funktionieren hat, setzt er Mut und Innovationskraft entgegen, man muss eben nicht allen gefallen.

Da Landsberg kein Repertoire-Betrieb sei, so Werner, könne man hier das Programm bunt zusammenstellen, auch mal den ein oder anderen ein klein wenig vor den Kopf stoßen, aber das Publikum für moderne performative Inszenierungen sehe er hier nicht. „Man darf Theater nicht am Publikum vorbei machen.“ Sabine März-Lerch hält dagegen. Das sei eine Strömung, die man gesehen haben muss, um zu verstehen, worum es gehe und warum zurzeit dieser Richtungsstreit in der Theaterbranche existiere. Also ein wenig mehr Mut auch zu ungewöhnlichen und nicht gefälligen Stücken.

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