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Wanderung

21.05.2019

Literatur im Spaziergehen

Die Gruppe, vorne Kurt Idrizovic, am Bert-Brecht-Weg in Utting.
Bild: Kübler

Der Brecht-Kenner Kurt Idrizovic macht sich in Utting und Schondorf auf Spurensuche. Wie der Schriftsteller am Ammersee lebte

„Warum ist der Bert-Brecht-Weg in Utting so kurz?“ wollte einmal ein Journalist von einem früheren Bürgermeister wissen. „Nun, Brecht war ja auch nicht lange da“, antwortete dieser. Nur wenige Monate war es Brecht vergönnt, in seinem Haus Im Gries 3 zu wohnen. 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, musste er es verlassen. Brecht ging ins Exil. Gern hätten sich die Nazis das Anwesen einverleibt. Durch „Tricksereien“ gelang es Brecht, es im Familienbesitz zu halten. Wie vieles andere, was er las, beobachtete oder was ihm geschah, verarbeitete er auch dieses Erlebnis lyrisch. „Sieben Wochen meines Lebens war ich reich“, schrieb Brecht in „Zeit meines Reichtums“. Und weiter über sein Haus: „Ich hatte es mehr Wochen betrachtet, als ich es bewohnte… Jeder Raum anders und jeder der Beste.“

Diese und viel mehr Begebenheiten, die sich im Leben von Bertolt Brecht und auch Thomas Mann in Schondorf und Utting abspielten, erfuhren die Teilnehmer eines literarischen Spaziergangs mit Brecht-Kenner Kurt Idrizovic von der Buchhandlung am Obstmarkt in Augsburg. Im Rahmen der Kreiskulturtage führte er entlang der Häuser, die Schriftsteller als Sommerfrischler bewohnten. Los ging es am Schondorfer Bahnhof mit Thomas Mann. 1904 bewohnte er die Villa Siebein und schrieb an seine Mutter: „Ich bade, dichte und lobe Gott den Herrn.“ Schwer verliebt in die Katja sei er gewesen, die er 1905 heiratete, erzählte Idrizovic und las aus Briefen an die 20-Jährige. Über den Wilhelm-Leibl-Platz führte die Tour in die Seeanlage und weiter die Seestraße entlang nach Utting.

Mit dem Badezug kam Brecht an den Ammersee, erstmals 1921 mit 23 Jahren. Dort traf er sich auch mit seiner Jugendliebe Paula Banholzer, „Bi“ genannt. „Wir liegen im Laubwald und essen Mohnnudeln“, hat Brecht dazu notiert. Idrizovic lässt mit vielen Anekdoten und Abschnitten aus Werken Brechts sowie Erinnerungen seines Bruders Walter eindrucksvoll die Welt in den 1920er- und 1930er-Jahren am Ammersee auferstehen, als in die beschaulichen Dörfer plötzlich die Boheme mit Kurt Weill, Hanns Eisler und Bert Brecht mit Autos einzog.

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Im Sommer 1929 und 1930 wohnte die Familie Brecht im „Mandelhaus“ in der Seestraße 55 in Schondorf. Die Familie blieb immer mindestens vier Wochen, während Brecht viel unterwegs war. Unglücke, über die Brecht in der Zeitung las, inspirierten ihn zu Gedichten. Das von dem Münchner Mörder Jakob Apfelböck, der seine Eltern erschlug, in den Schrank einschloss und weiter im Haus wohnen blieb, bis er verhaftet wurde, trug Idrizovic wie eine Moritat vor.

Ob sich Bertolt Brecht in der Pension Thalmaier wohl aufgrund der nahe gelegenen Segelschule namens Marx angesiedelt hat? Kurt Idrizovic brachte seine Anekdoten beim Spaziergang stets mit Humor. 1928 vollendeten hier Weill und Brecht die Dreigroschenoper, als das Stück schon auf dem Spielplan und die Premiere am 31. August 1928 kurz bevorstand. Die Oper war sehr erfolgreich und bildete die Grundlage seines Reichtums – der ihm den Erwerb des Hauses in Utting ermöglichte. „Bald darauf flohen wir über die Grenze“, schrieb Brecht in „Zeit meines Reichtums“ darüber, wie schnell die neuen Zeiten auch ihn ereilt hatten.

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