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24.07.2009

Spiel mit dem Zuschauer verunsichert

Landsberg Die Besucher des Theaterfoyers sind verwirrt. Ein junger Mann, der lange unbeweglich auf der Treppe saß, schmeißt mit Karacho einen Aschenbecher auf den Boden. Polternd macht er sich bemerkbar und schon ist man mitten im Stück "Ich mag dich wirklich", das in der Inszenierung von Dieter Nelle in Landsberg Premiere feiert.

Der Mann verunsichert das Publikum. So ganz kann man nicht einschätzen, was wohl als nächstes passiert. Denn der Darsteller (Stefan Maaß) stellt ständig selbst in Frage, ob er überhaupt ein Schauspieler ist. Lange ist er nicht alleine. Ein junges Mädchen (Britta Scheerer) kommt dazu. Ihr erstes Treffen mit der Internetbekanntschaft. Man verschüttet Kaffee, ist unsicher, aber man ist sich sympathisch. Ein netter Abend, könnte man denken.

Doch kaum fühlt man sich sicherer, dreht der unbequeme junge Mann schon wieder die Handlung. Als wäre es das Normalste von der Welt, zerquetscht er eine Orange und macht auf ebenso einfache wie drastische Weise klar, dass er das Mädchen, das draußen gerade frisch verliebt eine Zigarette raucht, ermorden wird. Die Zuschauer könnten es verhindern, die müssten nur eingreifen, so sagt er dem Publikum, das erneut ganz ruhig wird.

Perfides Spiel mit Voyeurismus

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Autor Neil LaBute lässt seine Figur perfide mit den Zuschauern spielen. Verunsicherung, Voyeurismus, die Angst sich zu blamieren, sind die Themen. Ist alles nur Spiel oder sollte man den wahnsinnigen jungen Mann ernst nehmen? Ein spannender Einstieg in einen ganz besonderen Theaterabend, den Dieter Nelle hier bietet. Denn, wer kennt sie nicht die Situationen im Leben, in denen man etwas hätte tun können, aber lieber still wie das Publikum sitzen bleibt.

"Ich mag dich wirklich" irritiert so sehr, dass die Zuschauer nach dem Stück erst gar nicht klatschen, weil sie sich nicht sicher sind, was da eigentlich gerade mitten unter ihnen passiert ist. Im anschließenden Kammerspiel "Helter Skelter" im Theatersaal tut man sich leichter, der Raum zwischen Bühne und Zuschauer ist wieder klar getrennt. Trotzdem schaffen es die beiden Schauspieler, eine dichte Szenerie zu erschaffen.

Es spielen wieder Maaß und Scheerer, diesmal ein Ehepaar. Sie, hochschwanger, hat gerade erfahren, dass ihr Mann sie seit sechs Jahren mit ihrer Schwester betrügt, er will eigentlich nur schnell nach Hause, um einen Skandal zu vermeiden, denn "das hier ist schließlich nicht seine Vorstellung von einem gelungenen Abend".

Maaß spielt diesen Mann, der seine Frau durch seine Äußerungen immer mehr in die Verzweiflung treibt, so plastisch, dass man am liebsten eingreifen möchte, Scheerer vermittelt auf dramatische Weise, wie man von einer Shoppingtour kommend direkt in den Abgrund blicken kann. Zum Schluss braucht man einige Minuten, bis man sich überhaupt vom Platz erheben will, so sehr fesselt das Paar auf der Bühne, das eigentlich nur Mittagessen wollte, und im Chaos endet. Beeindruckend die Leistung, die man an diesem Abend sah. Regisseur Dieter Nelle gelang ein dichtes Kammerspiel voller Emotionen, die gerade deshalb so deutlich werden, weil die Schauspieler so reduziert und unsentimental agieren. Nelle ist Regisseur und arbeitet häufig mit dem Theater Halle 7 zusammen. Mirko Hensch lieferte die Ausstattung.

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