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Dießen

11.06.2019

Vermummt am Ammersee: Mückenplage erreicht neue Dimension

Manche Seeanwohner trauen sich nur noch vermummt in den Garten. Anette Scholl aus Dießen hat sich aus einem Insektengitter einen Insektenschutz gebastelt, den sie Murka tauft.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Schwarze Mückenwolken schwirren durch die Luft. Ein Fußballer reagierte allergisch und musste in Krankenhaus gebracht werden. Doch die Situation ist nicht überall gleich schlimm.

Die Mückenplage am Ammersee hat eine neue Dimension: Am Freitagabend musste nach dem Fußballspiel der Alten Herren in Dießen ein Fußballspieler ins Krankenhaus gebracht werden. Die Dießener Notärztin Dr. Ingrid Marchner bestätigte gegenüber unserer Redaktion den Vorfall.

Sie selbst sei nicht dort gewesen, ihrer Information nach habe es eine allergische Reaktion gegeben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine Vielzahl von Mückenstichen ausgelöst worden sei. Sie habe auch von einem Patienten gehört, der gestern ins Krankenhaus gebracht worden sei, da sich viele Mückenstiche entzündet hätten. Aus ihrer langjährigen Praxis früher als Allgemeinmedizinerin in Dießen und als Notärztin kennt sie solche Fälle bisher nicht, wie sie gegenüber unserer Redaktion sagte.

Lesen Sie dazu auch: Am Ammersee droht eine große Mückenplage

„Es war eine Katastrophe mit den Mücken“, erzählt Fußball-Abteilungsleiter Christian Winterer über die Situation am Sportgelände am Freitag. Was jeder bestätigen kann, der sich an diesem Abend dort aufhielt. Unsere Redaktion hat Rainer Jünger und Oliver Grüner vom Verein „Mückenplage Nein Danke“ begleitet, die dort die Situation beobachten wollten.

Die Mückenplage am Ammersee verschärft sich: LT-Redakteurin Stephanie Millonig schützt sich im Gespräch mit Rainer Jünger (links) und Oliver Grüner mit einem Schal vor Stechmücken nahe dem MTV-Sportgelände in Dießen.
Bild: Julian Leitenstorfer

Schwarze Wolken umhüllen einen, sobald man aus dem Auto steigt, Richtung Vogelbeobachtungsturm werden sie dichter. Ein Spaziergänger, Hansjoachim Sprinz kommt den Steg entlang, „nur mal, um zu gucken“. Er wohnt in der Nähe und findet die Situation „unmöglich“. Er wünscht sich, dass wie am Chiemsee das Bacillus thuriengiensis israelensis (Bti) gegen Mückenlarven eingesetzt wird.

Der Verein sammelt für eine Kartierung

Auch Rainer Jünger spricht sich dafür aus, beispielsweise an Sportplätzen darüber nachzudenken, das Mittel einzusetzen, im Bereich von Naturschutzgebieten müsse dies natürlich sehr viel kritischer abgewägt werden. Sein Verein sammelt wie berichtet Spenden, um eine Kartierung der Brutgebiete von Mücken, auf den Weg zu bringen. Die Mehrzahl der Ammerseegemeinden hatte das bisher abgelehnt. Die Kartierung geht einem Bti-Einsatz, der immer aber auch von der Höheren Naturschutzbehörde genehmigt werden muss, voraus.

Wie gehen die Betroffenen mit der Situation um? Rainer Jünger hat sich im Internet einen Moskitoschutz besorgt, eine Baseballmütze samt Netz darüber mit Gummizug um den Hals. Durchs T-Shirt und die Hose wird er trotzdem gestochen. In den sozialen Medien finden sich skurrile Bilder von verhüllten Menschen, die sich nur noch so in den eigenen Garten trauen.

Auch die Kinder sind ins Haus verbannt

Anette Scholl lebt in Dießen nahe dem See. Sie hat ihren Sonnenhut mit einem Netz umhüllt, das eigentlich als Insektenschutz fürs Fenster gedacht ist. Nur noch morgens und abends gehe sie mit dieser „Murka“ (Mücken-Burka), wie sie ihren Schutz tauft, kurz zum Blumengießen in den Garten. Heuer sei es noch schlimmer als 2017. Seit ein paar Tagen herrsche in den benachbarten Gärten Stille. „Normalerweise hört man immer spielende Kinder.“ Im Sommer ins Haus verbannt zu sein, sei für sie sehr belastend. Sie sei sehr ökologisch eingestellt, wünscht sich aber, dass sich die Politik mit dem Thema beschäftigt und die Betroffenen ernst nimmt.

Einige Meter weiter beim Brunnenfest der Moosdapper am Dießener Marienplatz schwirren zwar auch Mücken herum, aber kein Vergleich zu den Angriffsgeschwadern am Naturschutzgebiet. Außerdem glimmen Abwehrkerzen und Räucherwerk an den Tischen. Fischer Hans Ernst aus St. Alban erträgt die Situation mit Gleichmut: „Das ist ganz normal bei Hochwasser, seit Donnerstag ist es ganz schön heftig.“ Aber es sei halt Natur. „Das hat’s immer schon gegeben. Man kann nicht gegen alles vorgehen“, lehnt er den Einsatz von Bti ab. Lange Ärmel und Hosenbeine, „und ab- und zu hinklatschen“, so geht er mit der Situation um. Auf dem See habe er Ruhe vor den Plagegeistern.

Die Familie Ernst hat auch Feriengäste, doch auch die seien darauf eingestellt, erzählt er. „Wenn es ein paar Tage heiß und trocken ist, geht die Plage zurück“, weiß Hans Ernst aus Erfahrung. Die Betroffenheit ist sehr unterschiedlich, wie eine kleine Umfrage am Brunnenfest ergibt. Da sitzen Uttinger und sogar ein Schondorfer, die kaum Mücken bei sich im Garten haben und daneben eine Dießenerin, die in der Fischerei lebt, und ungeschützt nicht mehr aus dem Haus gehen kann.

Herbert Kirsch hält einen Bti-Einsatz für problematisch

Bürgermeister Herbert Kirsch hat erst durch unsere Redaktion von dem Notfall beim Fußballspiel am Freitagabend erfahren. Er wünscht sich, dass das Gesundheitsamt die Menschen darüber aufklärt, wie sie sich gegen Mücken schützen können. Gegenüber einem Bti-Einsatz bleibt er aber skeptisch: „Wir sprechen über Insektensterben und über Artenvielfalt, die nötig ist. Da können wir nicht im Landschaftsschutzgebiet oder sogar Naturschutzgebiet solche Mittel einsetzen.“ Er verweist auf eine aktuelle Veröffentlichung der Uni Koblenz-Landau, die negative Auswirkungen des Bti-Einsatzes auch auf andere Organismen als die Stechmücken aufzeigt. Am Chiemsee steige jetzt auch die Gemeinde Seebruck aus dem Bti-Einsatz aus.

Ein Hot-Spot für Stechmücken ist auch Eching. Klaus Strobl, der Wirt des Gasthofs Eberhardt an der Stegener Straße, weiß ein Lied davon zu singen Er bietet den Gäste Mückenabwehrmittel zum Einschmieren an und hofft darauf, dass sehr heißes oder auch kaltes Wetter eine Besserung bringt. „Ich bin sehr naturverbunden, würde einen Bti-Einsatz aber begrüßen.“ Schließlich werde das Mittel am Chiemsee auch schon seit Längerem eingesetzt. „Warum nicht auch bei uns.“

Stephanie Millonig hat die Situation kommentiert: Wie mit der Natur umgehen?

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