1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Wie gut sind Flüchtlinge im Arbeitsmarkt integriert?

Landkreis Landsberg

05.09.2019

Wie gut sind Flüchtlinge im Arbeitsmarkt integriert?

Aenderungsschneiderei005.jpg
3 Bilder
Ziad Arawdaki (rechts) hat diesen Damenmantel gefertigt. Gemeinsam mit Walaf Anz eröffnet er eine Änderungsschneiderei in Landsberg. Beide Syrer sind gelernte Schneider.
Bild: Julian Leitenstorfer

Ziad Arawdaki und Walf Anz eröffnen in Landsberg eine Änderungsschneiderei. Ihr Beispiel ist eine Ausnahme. Denn viele Flüchtlinge haben nur einen Hilfsjob. Was Experten dazu sagen.

Drei Nähmaschinen stehen im Raum, auf einem großen Zuschneidetisch liegen Stoffe. Kleine Accessoires geben dem schlichten Laden von Ziad Arawdaki und Walaf Anz ein einladendes Äußeres. Die beiden Syrer eröffnen am 14. September in der Katharinenstraße in Landsberg eine Änderungsschneiderei. Die beiden Flüchtlinge wagen damit den Schritt in die Selbstständigkeit. Was arbeiten Asylberechtigte? Wie beurteilen Arbeitgeber die Situation? Im Rahmen der Asylserie sieht sich das Landsberger Tagblatt diesmal auf dem Arbeitsmarkt um.

In ihrer Heimat arbeiteten die beiden Flüchtlinge in der Modebranche

Im Gespräch mit den beiden Syrern wird klar, dass es ihnen nicht alleine ums Geld verdienen geht. Der 28-Jährige Anz hat bereits einen Job als Lagerist und der 33-Jährige Arawdaki einen Teilzeitjob als Verkäufer. Doch sie wollen – anfangs in Teilzeit – wieder in ihrem ursprünglichen Beruf arbeiten: Anz fertigte in Kobane Abendkleider und Arawdakis Familie hatte in Damaskus eine Damenkleiderproduktion. Im Schaufenster in der Katharinenstraße ist ein Wintermantel ausgestellt, den Arrawdaki geschneidert hat. „Ich mag meinen Beruf“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Er denke an die Zukunft und wolle weiterkommen. So heißt der nächste Schritt für ihn auch, sich mit Herrenkollektionen vertraut zu machen. Walaf Anz zeigt das Foto einer eleganten roten Abendrobe, die er geschneidert hat. Jetzt geht es noch um Änderungsschneiderei, denn es fehlen die Finanzen, um Stoffe vorfinanzieren. Doch beiden schwebt vor, Maßkleidung zu schneidern – irgendwann auch ein „Oktoberfestkleid“, wie sie das Dirndl umschreiben.

Dass sich Asylbewerber selbstständig machen, ist eher die Ausnahme, wie der Geschäftsführer des Jobcenters Landsberg, Felix Rakette, sagt. Er berichtet, dass 532 Personen aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern im Landkreis einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen (Stand Dezember 2018). Es handelt sich um Afghanen (111), Syrer (124), Eritreer (139), Iraker (51), Iraner (27), Nigerianer (42), Pakistani (19) und Somalier (19). 79 dieser sozialversicherungspflichtig Arbeitenden beziehen ergänzende Leistungen vom Jobcenter, weil ihr Lohn zum Leben nicht ausreicht.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Viele Flüchtlinge werden finanziell vom Jobcenter unterstützt

Insgesamt haben von den 1671 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, die das Jobcenter betreut, 578 einen Fluchthintergrund (34,6 Prozent). 2017 betrug der Flüchtlingsanteil 40,3 Prozent. Auf ergänzende Leistungen sind laut Rakette auch Auszubildende und geringfügig Beschäftigte angewiesen. Barbara Rösner ist beim Landratsamt für die Asylangelegenheiten zuständig. Wer von den Geflüchteten arbeiten darf, sei ein komplexes Thema, jeder Fall müsse einzeln beurteilt werden. Viele arbeiten in Helferjobs, wie alle Gesprächspartner berichten – aus mehreren Gründen: Es mangele an Sprachkenntnissen und Qualifikation für den hiesigen Arbeitsmarkt beziehungsweise lässt sie sich nicht nachweisen. Viele wollen Geld verdienen, um ihre Familie zu unterstützen.

Neun Flüchtlinge haben dieses Jahr eine Ausbildung begonnen

Und doch machen auch einige eine Lehre: Bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern sind für den Landkreis insgesamt 48 auszubildende Flüchtlinge registriert, neun davon im neuen Lehrjahr. Im Ranking steht mit zehn Azubis der Kfz-Mechatroniker ganz vorne, gefolgt vom sieben Elektronikern und jeweils fünf beim Maler- und Maurerhandwerk sowie als Anlagenmechaniker. Für den stellvertretenden Kreishandwerksmeister, Wolfgang Zeit, ist die Sprache die wichtige Basis, dass es mit einem ausländischen Mitarbeiter funktioniert.

Er berichtet, dass es beispielsweise bei den Metzgern, wo Geflüchtete im Betrieb arbeiteten, einfacher sei als in den Handwerkssparten, bei denen der Mitarbeiter zu Kunden fährt. Wie sieht es mit Geflüchteten aus, die in ihrer Heimat Erfahrungen in einem Beruf gemacht haben? Laut Wolfgang Zeit ist der technische Stand oft ein ganz anderer und es dauere, diese Mitarbeiter einzuarbeiten. Zeit beschäftigt seit zwei Jahren einen Asylberechtigten, der früher im Holzhandwerk tätig war. „Bei uns läuft er mittlerweile als Geselle.“

Sprachliche Hürden sind oft im Weg

Bei den Betrieben der Industrie- und Handelskammer im Landkreis fangen heuer 20 Flüchtlinge ihre Ausbildung an. Insgesamt sind damit im Landkreis 48 Flüchtlinge in einer IHK-Ausbildung. „Die Integration macht große Fortschritte, auch wenn Sprachprobleme und stellenweise auch rechtliche Hürden nach wie vor große Stolpersteine sein können. Immer mehr Betriebe sehen in den Flüchtlingen zukünftiges Fachkräftepotenzial“, sagt Reinhard Häckl, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses. Laut einer IHK-Umfrage wollen fast zwei Drittel der befragten Betriebe in Zukunft Geflüchtete ausbilden oder beschäftigen. Im Landkreis Landsberg gibt es aktuell 219 IHK-zugehörige Ausbildungsbetriebe.

Die Betriebe setzen auf die „3+2-Regelung“, wonach Flüchtlinge die Ausbildung abschließen und danach noch zwei Jahre bei dem Betrieb arbeiten dürfen. Mareike Ziegler von der IHK erläutert, dass die Weiterbeschäftigung nach der Lehre wieder individuell von der Ausländerbehörde geprüft werde.

Lesen Sie hier die weiteren Teile unserer Serie:

Geltendorf: Sie helfen Flüchtlingen, sich zurechtzufinden

Als die Flüchtlingskrise Landsberg erreichte

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren