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Mindelheim

09.06.2020

Der Künstler Michael Bahr machte Entdeckungen im Unspektakulären

Landschaften sind die liebsten Motive von Michael Bahr. Doch auch das Meer und die Weite liebt der Künstler sehr.

Plus Serie "Kunst-Pause": Ein Gespräch mit Michael Bahr. Die Krise hat die Kreativität des Mindelheimer Künstlers nicht beeinträchtigt.

Die Corona-Krise und der Lockdown haben zunächst alle Lebensbereiche betroffen. Mittlerweile gibt es im Alltag immer mehr Lockerungen. Nur bei der Kultur ist es immer noch ziemlich ruhig. In unserer neuen Serie „Kunstpause“ wollen wir zeigen, wie Künstler aus der Region die Krise erleben oder auch nutzen, um sie künstlerisch umzusetzen

Lieber Herr Bahr, wir hatten nun alle ein wenig Zeit, uns in der Krise einzurichten. Wie sehr haben die Maßnahmen Mitte März Ihr Leben verändert?

Ich war bedingt durch die Heuschnupfen-Saison ohnehin in einer Phase weitgehender Zurückgezogenheit, da war das keine große Umstellung. Künstlerisch befand und befinde ich mich in einer Ausstellungs- nicht aber in einer Kunstpause.

Daraus folgere ich, dass Sie weiterhin kreativ sind. Woran arbeiten Sie denn gerade?

Richtig. Die Kreativität leidet zum Glück gar nicht. Ich wollte die Ausstellungspause nützen, um mich künstlerisch weiterzuentwickeln. Zum einen handwerklich-technisch, zum anderen aber auch thematisch. Im Moment male ich Aquarelle mit maritimen Motiven, mit Dünenlandschaften, Leuchttürmen, Booten.

Der Mindelheimer liebt die Weite und das Meer

Das sind Motive, die an Urlaub und naja, wohl auch Sehnsucht denken lassen. Ist das der Krise geschuldet? Schmuggelt sie sich so doch in Ihre künstlerischen Gedanken?

Das kann durchaus sein, dass diese Motivwahl kein Zufall ist. Ich liebe das Meer und den Blick ins Weite. Es ist nie langweilig. Ich mag diesen Wandel im Unspektakulären, das Meer bei unterschiedlicher Tages- und Jahreszeit etwa oder auch die vielen kleinen Wunder, die oft ganz einfach am Wegesrand zu entdecken sind - gerade jetzt im Frühjahr. Man muss nur hinsehen und sie wahrnehmen, um sich daran zu erfreuen.

Das ist wahr. Nun hat die Krise unseren Radius verkleinert und dadurch unseren Blick auch neu gelenkt. Welche Gedanken weckt die Krise in Ihnen?

Bestimmte Gedanken drängen in den Vordergrund, etwa über die Anfälligkeit unserer hochgezüchteten Zivilisation, darüber, wie wenig wir als Individuen unser Leben wirklich selbst in der Hand haben, wie prekär die menschliche Existenz im Grunde ist. Angesichts dessen stünde uns allen etwas mehr Demut gut zu Gesicht. Gesellschaftlich hat für mich der Lockdown nochmals verdeutlicht, in welch einer aberwitzigen Turbogesellschaft wir leben. Unsere Art des Wirtschaftens und der rücksichtslosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen, ja dieses ganze neoliberale Konstrukt, ist doch dabei, uns alle vor die Wand zu fahren. Die sich jüngst häufenden Corona-Fälle in der von knallhartem Konkurrenzdenken und Geiz-ist-geil-Mentalität beherrschten Fleischwirtschaft können das nur bestätigen.

Corona bringt viele Menschen zum Nachdenken

In der Tat schlägt uns die Krise diese Auswüchse unserer Gesellschaft um die Ohren. Glauben Sie, all diese Pandemie-Erfahrungen, die für uns ja neu sind, werden sich in das gesellschaftliche und künstlerische Gedächtnis einprägen?

Zumindest kamen während der erzwungenen Klausur und der dadurch bewirkten Entschleunigung vermutlich mehr Menschen als ohne Corona ins Nachdenken: Darüber, was wirklich wichtig ist, über Werte und ihre Rangordnungen. Was die Kunst betrifft, sehe ich die Gefahr, dass ähnlich wie in der Wirtschaft, vor allem die Kleineren, die Schwächeren und somit die Vielfalt zu Verlierern der Corona-Krise werden. Das finde ich mehr als bedrückend, denn Kunst ist nur scheinbar nicht systemrelevant. Sie ist im Gegenteil ein echtes Lebensmittel, denn sie kann wichtige Impulse geben, Zusammenhänge verdeutlichen, das Gefühlsleben bereichern und für emotionalen Ausgleich sorgen. Deshalb sehe ich den Staat in der Pflicht, die Künstler und Künstlerinnen zu unterstützen. Bereits mit einem Bruchteil der anvisierten Kaufprämie für die Autoindustrie ließe sich da bestimmt viel erreichen.

Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Hoffen wir, die guten Vorsätze vieler Menschen lösen sich nicht in Luft auf. Worauf freuen Sie sich denn am meisten?

Gegenwärtig fehlt mir trotz geräumiger Wohnung, Garten und Ausgangsmöglichkeiten besonders das Erlebnis der Weite und der uneingeschränkten Bewegungsfreiheit. Und nicht zuletzt fehlen mir die inspirierenden Veranstaltungen im „Salon“ des Mindelheimer Kunstvereins. Hoffentlich wird es bald möglich sein, all das wieder unbelastet zu genießen.

Der Hoffnung schließen wir uns an. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und das Gespräch!

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