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Mindelheim bekommt eine neue Attraktion

31.12.2017

Der Mercedes unter den Turmuhren

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2 Bilder
Die Turmuhr aus dem Jahr 1872 aus der Mindelheimer Stadtpfarrkirche soll öffentlich präsentiert werden.
Bild: Werner Drexel

Auszubildende der Grob-Werke überholen zur Zeit die alte Turmuhr von St. Stephan. Später wird sie mitten in der Stadt präsentiert

Plötzlich waren im Jahr 1582 gleich ein paar Tage übrig. Sie wollten nicht mehr in den neuen Kalender passen, den Papst Gregor verfügt hatte und der seinen Namen trägt. Was tun mit diesen Tagen, die weder ins alte noch ins neue Jahr gehören? Das sind die Tage zwischen den Jahren. Bis heute haben sie ihren besonderen Zauber bewahrt.

Es dürfte das letzte Aufbäumen der alten Welt gewesen sein, die noch nicht vertaktet war wie die Moderne. Seither tickt die Welt anders. In Klöstern zeigten Zeitmessinstrumente die Gebetszeiten an. Später zogen die Rathäuser nach. Auch die weltlichen Herrscher legten wert auf Pünktlichkeit bei ihren Untertanen. Und heute wird auf hundertstel Millisekunden genau gemessen.

Ein Museum von europäischem Rang

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Für Wolfgang Vogt sind Uhren viel mehr als rein technische Hilfsmittel, die Zeit zu erfassen. Über Jahrzehnte hat der Mindelheimer das schwäbische Turmuhrenmuseum aufgebaut und damit der Stadt ein herausragendes Kleinod beschert. Fachleute sehen in dem Museum eine Sammlung von europäischer Bedeutung.

Die Verbindung von Technik und Kunst hat Vogt bei den Uhren immer schon fasziniert. Diese Begeisterung scheint auch die Mindelheimer Bürgerschaft früherer Jahrhunderte geteilt zu haben. Schon 1414 lebte nachweislich ein Uhrmachermeister mit Namen Heinrich in der Stadt, sagt Vogt. Schon in dieser frühen Zeit waren die ersten Mindelheimer Türme mit Uhren ausgerüstet worden.

Im 19. Jahrhundert wollten es die Mindelheimer besonders genau wissen. Die Stadtpfarrkirche St. Stephan bekam die genaustens gehende Turmuhr ihrer Zeit. Erbauer war im Jahr 1872 der berühmte Turmuhrmacher und Mechaniker Johann Mannhardt aus München. Wolfgang Vogt spricht vom „Mercedes unter den Turmuhren“.

Frappierende Genauigkeit

Sein freischwingendes Pendel hatte bereits zehn Jahre zuvor den Polytechnischen Verein überzeugt. Der Erbauer habe mit diesem Werk eines der wichtigsten mechanischen Probleme gelöst. Mannhardt hatte es verstanden, dem Pendel jede halbe Minute eine konstante Kraft durch ein Gewicht zuzuführen und es dazwischen fast frei schwingen zu lassen.

Die Genauigkeit dieser Turmuhr ist frappierend. Weniger als zehn Sekunden pro Woche weicht sie ab. Dieses Wunderwerk der Technik war bis 1973 in Betrieb. Seither war die alte Turmuhr in den Dornröschenschlaf gefallen und im Turmuhrenmuseum aufbewahrt worden.

Im Herbst 2015 hatte Wolfgang Vogt im zuständigen Stadtratsausschuss viel Zuspruch für seine Idee geerntet, die Uhr mitten in der Stadt öffentlich zu präsentieren. Immen-staad am Bodensee diente ihm dabei als Vorbild. Eine solche Uhr hinter Stahl und Glas könnte eine zusätzliche Attraktion für die Mindelheimer Altstadt werden.

Inzwischen ist auch geklärt, wo die Uhr stehen wird. Stadtbaumeister Gerhard Frey und Architekt Peter Kern haben sich auf das Forum in der Nähe des Brunnens als neue Heimat mit Blick zur Stadtpfarrkirche entschieden. Dafür fand sich auch im Stadtrat eine Mehrheit. Wolfgang Vogt hatte ursprünglich die Idee, die Uhr auf dem Marienplatz zu präsentieren.

Bis es Ende 2018 oder 2019 so weit ist, stehen noch einige Arbeiten an. Zur Zeit ist die Lehrlingsabteilung der Grob-Werke unter Leitung von Werner Drexel dabei, die Turmuhr auf einen elektrischen Aufzug umzubauen. Für die Einhausung hat Architekt Peter Kern mehrere Varianten erarbeitet. Diese will er in einer der nächsten Sitzungen des Stadtrates im neuen Jahr präsentieren.

Die Uhr wird auch vier neuer Ziffernblätter erhalten. Von ihnen gibt es bisher lediglich Entwürfe. Auf einer wird die Zeit angezeigt, auf der zweiten ein ewiger Kalender, eine Monduhr und der Stand der Sonne im Tierkreis.

Dann kann sich jeder seine eigene Zeit aussuchen, nach der er glücklich werden möchte. Für Wolfgang Vogt vergeht die Zeit übrigens dann besonders intensiv, wenn er sich mit einer Sache besonders genau befasst. Eines ist auch ihm bisher nicht gelungen, dass die Zeit langsamer vergeht.

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