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Zeitgeschichte

08.05.2015

Die qualmenden Trümmer bei Nassenbeuren

Mindelheimer Buben erlebten den Absturz eines Jagdflugzeuges mit. Dort machten sie ungewöhnliche Beute

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs heulten in Mindelheim tagsüber immer wieder die Luftschutzsirenen auf. Anton Dirr, der heute in Sulzberg lebt, war damals neun Jahre alt und wohnte in der Teckstraße 24. Er musste bei Angriffen mit seiner Familie einen Luftschutzkeller aufsuchen. Der lag ein paar Häuser weiter. Richtig streng überwacht wurde das aber offenbar nicht, weil die Stadt noch keinen Fliegerangriff erlebt hatte.

Der kleine Anton, neugierig wie er war, streckte seinen Kopf ins Freie und sah vom Bergwald kommend eine lange Kette feindlicher Flugzeuge. Sie flogen recht hoch in Dreier- und Viererformationen. Daneben flogen ein paar kleinere Maschinen, offenbar zum Schutz des schwerfälligen Verbandes.

Kaum verstummte das Gebrumm, weil die Maschinen irgendwo hinter dem Biergarten des Reichsadlers verschwunden waren, hörte Anton Dirr ein neues Geräusch. Es hörte sich an, als ob ein kleines Flugzeug über irgendetwas kreiste und fast lautlos mal nach unten, dann wieder mit aufheulendem Motor nach oben stieg. Dazu waren jedesmal Schüsse wie aus einem Maschinengewehr zu hören. Anton war sich sicher, dass es zwei Flugzeuge sein mussten, die auf irgendetwas schossen.

Plötzlich ein lauter Knall, eine Explosion und ein kurzes Aufheulen eines Motors. Auch seine Spielkameraden hatten die Geräusche gehört. Die Kinder waren sich sicher, dass die Geräusche nordostwärts von Mindelheim herrühren mussten. Also sind sie die Krumbacher Straße hinuntergelaufen. Gleich unterhalb des Josefsstifts erblickten sie hinter der damals noch offenen Flur südlich von Nassenbeuren eine mächtige Rauchwolke. Die Kinder konnte nichts mehr zurückhalten. Sie rannten hin zum Unfallort und fanden ein total zertrümmertes Flugzeug vor. Der Rumpf der Kanzel war total zerstört. Offenbar war die gesamte Bordmunition explodiert. Die Kinder stocherten mit Ästen im Boden herum. Dass in der Maschine ein Pilot gewesen sein musste, daran dachten sie nicht. In all dem Durcheinander sah Anton etwas, das er noch nie gesehen hatte: brennende Glasscherben. Ein paar abgekühlte Exemplare sammelten sie ein.

Dann rückte die Stadtfeuerwehr an, die die Kinder erst einmal verscheuchte. Sie hätten hier nichts verloren. Mit Feuerpatschen fingen die Männer an, kleinere Flammen zu löschen. Die Buben machten sich mit ihrer Beute aus den Staub.

Am nächsten Tag verstaute Anton seine Raritäten daheim auf dem Dachboden. Abends erzählte sein Vater, dass am Vortag zwei feindliche Begleitflugzeuge abwechselnd auf eine unter Dampf stehende Lokomotive geschossen hätten. Ein Flugzeug hatte tatsächlich den Dampfkessel einer Lok getroffen. Der ausströmende Dampf hatte dem zweiten Piloten die Sicht genommen. Seine Maschine berührte die Baumwipfel und stürzte ab.

Das Rätsel des brennenden Glases hat sich dann auch noch gelöst. Antons Vater wusste, dass es kein richtiges Glas war, sondern ein Kunststoff namens Plexiglas. (mz)

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