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Milchkrise im Unterallgäu

08.06.2016

Ein Milchbauer ist sauer

Willi Baumer ist Milchbauer und wütend. Er sieht in der Milchkrise Versagen von Politik und Bauernverbänden.
Bild: Willi Baumer

Ein Landwirt lässt Dampf ab. In Sachen Milchkrise wundert er sich über die Hilflosigkeit von Politik und Verband. Er hat klare Forderungen

Willi Baumer war sein Berufsleben lang leidenschaftlicher Landwirt. 1968 übernahmen er und seine Frau den Milchviehbetrieb in Mindelheim mit 25 Kühen. Nach rund 35 Jahren übergab er an seinen Sohn. Der Hof war inzwischen an den nördlichen Stadtrand verlegt worden, wo die Lage nicht so beengt ist. Heute bewirtschaftet die Familie einen Stall, in dem 65 bis 70 Kühe leben. Baumer hat schon häufiger ein Auf und ein Ab in der Landwirtschaft erlebt. Die derzeitige Milchkrise nennt er beispiellos. Der aktuelle Milchpreis bedrohe Tausende Milchviehbetriebe, große wie kleine. Der Milchpreis sei um ein Drittel gesunken.

Milchkrise: Unterallgäuer Landwirt sagt, wo er Probleme sieht

Es könne etwas nicht mehr stimmen, wenn ein Milcherzeuger einen Zehn-Liter-Eimer Milch an seine Molkerei verkaufen müsse, um in einem Lokal eine Flasche Wasser zu bekommen. Der Grund ist laut Baumer ganz einfach: Es ist ein Überangebot von Milch auf dem Markt.

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Wenn von einem Produkt wesentlich mehr auf den Markt kommt, als nachgefragt ist, sinkt der Preis. Die einfache Kaufmannsweisheit sei anscheinend bei Politik und Bauernverband noch nicht angekommen. Bis vor wenigen Wochen wurde die Überproduktion als Grund für die Misere sogar geleugnet.

Nach dem Auslaufen der Quote hätte jedem klar sein müssen, dass es zu mehr Milch kommen werde, zumal in den Jahren zuvor jedes Jahr eine Quotenerhöhung erfolgte, um eine „sanfte Landung“ nach Auslaufen der Quote zu erreichen. Statt dessen kam es zu einer „krachenden Bauchlandung“.

Die Schuld für die Misere liegt wie immer bei anderen - das Russlandembargo, die nachlassende Wirtschaftskraft in China, der böse Einzelhandel, sagt Baumer. Und er fragt: „Sind wir in Deutschland dazu verdonnert, für Russland und China billigste Milchprodukte herzustellen?“

Sinkende Milchpreise: Baumer sieht jahrelange Überproduktion

Seit Jahren werde mit Steuergeldern die Milchproduktion angeheizt. In Tausenden von Ställen wurde die Zahl der Kühe verdreifacht, verfünffacht und zum Teil verzehnfacht, „um dann erstaunt festzustellen, dass eine Überproduktion entsteht“.

Baumer stellt bei Politik und Bauernverband eine große Hilflosigkeit fest. So habe der schwäbische Bauernpräsident Alfred Enderle eingeräumt, mit Grünen-Politikern über eine Abschlachtprämie gesprochen zu haben. „Was ist das für eine Logik, erst mit Steuergeldern Überproduktion zu erzeugen und dann mit Steuergeldern die Misere zu bekämpfen?“, fragt Baumer.

Der Milchpräsident des Bayerischen Bauernverbandes war mit einer Wirtschaftsdelegation im Iran. Er kam zurück mit der Erkenntnis, dort könne man neue große Märkte erschließen. Geschehen sei aber nichts. Die interessanteste Lösung hat laut Baumer Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. In einem Fernsehinterview antwortete er, er sehe längerfristig positive Perspektiven für den Milchmarkt, denn im Jahr 2050 seien über neun Milliarden Menschen auf der Erde zu ernähren und somit zwangsläufig Milchtrinker. Baumer flüchtet sich angesichts solcher Aussagen in Sarkasmus. „Bis dahin sind es ja nur 34 Jahre. Bis dann hat sich mit Sicherheit das Problem gelöst“.

Unterallgäuer Landwirt: Hilfsprogramm hat keine Logik

Der deutsche Bauernpräsident Joachim Ruckwied ruft nach staatlichen Hilfen und befürchtet einen rigorosen Strukturwandel. Das sei doch wohl gewollt, meint Baumer. Selbst Kanzlerin Angela Merkel hat den Ernst der Lage erkannt und fürchte wohl den Verlust der letzten bäuerlichen Wähler. Sie hat ein Hilfsprogramm von 100 Millionen Euro angekündigt, bei dem die Bauern zu einer Selbstbeschränkung verpflichtet werden. Die Logik von Selbstbeschränkung und Verpflichtung erschließt sich dem Mindelheimer Landwirt allerdings nicht.

Der Erfolg werde so groß sein wie jener einiger Getreuen des Bauernverbandes, die vor dem Aldi-Eingang in Kempten ein Spruchband hochgehalten haben und um Almosen gebeten hatten. „Welch beschämender Anblick!“. (mz)

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