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Geschichte

13.05.2014

Ein flammendes Plädoyer für die Demokratie

Rainer Schneider ist in der DDR aufgewachsen und saß dort nach einem Fluchtversuch im Gefängnis. In Mindelheim berichtete er Maria-Ward-Schülerinnen von seinen Erlebnissen in der sozialistischen Diktatur.
Bild: anro

Rainer Schneider, Zeitzeuge des DDR-Stasiterrors, diskutiert mit Zehntklässlerinnen der Mindelheimer Maria-Ward-Realschule

Zwischen dem Gründungsjahr der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 1949 und dem Bau der Berliner Mauer 1961 verließen rund 2,7 Millionen Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik. Das entsprach einem Siebtel der Gesamtbevölkerung. Die „Abstimmung mit den Füßen“ wurde durch den Mauerbau jedoch nicht verhindert. Auch im Anschluss versuchten Menschen immer wieder, die DDR auf illegalem Weg zu verlassen. Rainer Schneider war einer von ihnen. Heute berichtet er als Zeitzeuge, wie es damals war, unter strenger Beobachtung der Geheimpolizei des Ministeriums für Staatssicherheit, kurz Stasi, in einer kommunistischen Diktatur groß zu werden.

Elfriede Bachmann-Quiring, Geschichtslehrerin an der Maria-Ward-Realschule in Mindelheim, hat über das koordinierende Zeitzeugenbüro den Kontakt zu Schneider hergestellt. Dieser nahm sich gerne die Zeit, um den Schülerinnen der zehnten Klassen über seine Erfahrungen als 17-jähriger Republikflüchtling und der anschließenden Inhaftierung in DDR-Gefängnissen zu berichten. „Es ist nichts, für das ich mich schämen müsste“, so Schneider. Im Gegenteil: „Seit 1989 war die Demokratie noch nie so gefährdet. Ich möchte junge Menschen ermutigen, sich politisch zu informieren und auch zu engagieren.“ Denn, so Schneider: „Heute wissen wir, was Informationen für einen Wert haben.“ Die Schülerinnen hörten aufmerksam zu und stellen Fragen. Wie war das Leben in der DDR eigentlich? Hatten Sie Angst, dass jemand aus Ihrer Familie ein inoffizieller Spitzel der Stasi war? Und warum wurden die Menschen nach falschen Beschuldigungen verhaftet und bestraft? Für die Jugendlichen schien es sehr schwierig, sich die damaligen Lebensumstände vorzustellen.

Schneider ist in einer Mangelgesellschaft mit Verboten aufgewachsen. In einer Diktatur, in der man außerhalb der eigenen vier Wände nicht sicher war, in der die Stasi Informationen über jeden hatte. In einem Bildungssystem, in dem Schulkindern im Sportunterricht und in Ferienlagern unter anderem Disziplinen wie Handgranatenweitwurf beigebracht wurden, damit sie ihr Vaterland gegen die westlichen Kräfte verteidigen können.

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Schneider erzählt: „Man hat mich allem beraubt. Meiner Familie, meiner Mutter, meiner Freiheit. Es war ein mörderisches Regime!“ Und fügt hinzu: „Einer Diktatur ist es vollkommen egal, ob sie lügt oder nicht. Das einzige Ziel ist der Selbsterhalt.“

Nach seinem Fluchtversuch 1972 und neun Monaten Haft in verschiedenen Gefängnissen wurde Schneider 1974 schließlich aus der DDR ausgebürgert und lebt heute in München. Die Schülerinnen will er sensibilisieren: „Unsere Demokratie wird immer mehr angegriffen, unsere Freiheit von verschiedenen Gruppen an den Rand gedrängt.“ Und genau deshalb ist es ihm wichtig, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. „Freiheit lernt man erst zu schätzen, wenn sie einem genommen wurde“, betont Schneider zum Schluss.

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