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Geschichte

13.04.2015

„Es gibt nicht nur gute Juden und böse Deutsche“

Zuletzt war Viktor Frankl mit seiner zweiten Frau (vorne rechts beide in Schwarz) noch einmal in Türkheim zu Gast. Mit auf dem Foto zu sehen sind von links vorne CSU-Bundestagsabgeordneter Kurt Rossmanith, CSU-Landtagsabgeordneter Erwin Seitz und Landrat Herman Haisch.

Trotz seiner Zeit im Türkheimer KZ sprach Viktor Frankl stets positiv von dem Ort. Der bedankte sich mit einer Peinlichkeit

„Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick auf den Himmel freigeben.“ Dieses sehr bildhafte Zitat von Victor Emil Frankl schildert auch sein eigenes Leben sehr treffend. Als Juden wurden er, seine Frau und seine Eltern am 25. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Sein Vater starb dort 1943, seine Mutter wurde in der Gaskammer von Auschwitz ermordet, ebenso sein Bruder Walter. Seine Frau starb im Konzentrationslager (KZ) Bergen-Belsen. Er selbst verbrachte die letzten Monate des Dritten Reiches im KZ Türkheim. Die Befreiung ist nun genau 70 Jahre her. Aus diesem Anlass sprach die Mindelheimer Zeitung mit Alois Epple, der bereits mehrere Publikationen zu Frankl verfasst hat.

Sie haben Victor Frankl mehrmals persönlich getroffen. Was für ein Mensch war er?

Einmal war es die große Ausstrahlung einer weltweit angesehenen Persönlichkeit mit einem gewissen Hauch an Wiener Schmäh. Wie allen großen Persönlichkeiten war er zwar selbstbewusst, jedoch bescheiden. Er war genau das Gegenteil von den sogenannten Promis im Dschungelcamp. Frankl war liebenswürdig, sprach bei seinem letzten Aufenthalt 1985 in Türkheim mit jedermann. Da gibt es ein Foto, wo er in der Türkheimer Wirtschaft beim Frommelt mitten unter Türkheimern sitzt und sich mit ihnen unterhält. Neben dieser menschlichen Seite bin ich tief beeindruckt von seiner wissenschaftlichen Arbeit. Das beginnt bei seiner Grundidee von der Sinnhaftigkeit des Lebens und geht bis zu dem Punkt, wie er seine Lehre publizierte. Frankls wissenschaftliche Bücher lesen sich wie Kriminalromane. Sie machen süchtig.

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Was ist der wesentliche Inhalt von Frankls Lehre?

Bei psychischen Störungen blickt Frankl, im Gegensatz zu Freud, nicht nach rückwärts, sondern in die Zukunft. Stark vereinfacht gesagt ist Frankls Credo: Ein Mensch ist psychisch gesund, wenn er in seinem Leben einen Sinn sieht. Frankl ist allerdings kein Philosoph und schon gar keine Theologe. Er stellt nicht die philosophische Frage nach dem Sinn des Lebens und schon gar nicht die theologische Frage, dass dieser Sinn nur in Gott liegen kann.

Welche Bedeutung hatte die Inhaftierung Frankls im KZ in Türkheim auf seine Lehre?

Frankl machte im KZ Türkheim einige Beobachtungen, welche sein Werk entscheidend prägten. So lehnte er gleich nach seiner Befreiung die Kollektivschuld ab, da er in Türkheim auch anständige Deutsche erlebt habe. Hier begann er sein grundlegendes Werk „Ärztliche Seelsorge“ zu rekonstruieren, welches ihm in Auschwitz abgenommen worden war. Hier machte er die praktische Erfahrung, dass das Überlegen vom „Wozu leben“ abhängt. All dies erzählte er in seinen Vorträgen weltweit und erwähnte hierbei immer Türkheim in diesem positiven Kontext. Später war er auch öfter in Türkheim zu Besuch. 1985 hielt er hier eine weit beachtete Rede. Salopp gesagt: Türkheim wurde von niemandem weltweit so oft und positiv erwähnt wie von Frankl.

Welches Verhältnis hat dann Türkheim zu Frankl?

Vor ungefähr 20 Jahren wurde der Antrag, Frankl zum Ehrenbürger von Türkheim zu ernennen, im Gemeinderat abgelehnt. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Frankl, als er 1976 Ehrenbürger von Austin, der Hauptstadt von Texas, wurde, dort, im fernen Amerika, Türkheim erwähnte. So haben wir in Türkheim die schizophrene Situation, dass zum Beispiel Adolf Hitler oder Julius Streicher Ehrenbürger dieses Ortes sind, nicht aber einen Viktor Frankl, welcher mit dem Papst, mit Philosophen wie Heidegger und Jaspers, mit der Präsidentenwitwe Mamie Eisenhower und so weiter zusammentraf und welcher weltweit Türkheim immer in positivem Kontext erwähnte. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Zeitungsmeldung ein. Die Washington Post schrieb einmal: Frankl wurde die höchste Ehre zuteil, welche Washington zu vergeben hat. Als er einen Vortrag in Washington hielt, brach deshalb der Verkehr zusammen. Jahre später versuchte der Türkheimer Gemeinderat seine Fehlentscheidung abzumildern und benannte einen Feldweg nach Frankl, den man heute zu den wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zählt. Peinlicher geht es nicht mehr!

Der Nationalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht. Für Victor Frankl gab es aber nur zwei Menschenrassen – die „Rasse“ der Anständigen und die „Rasse“ der Unanständigen. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Rassenkonflikte in Amerika sind Frankls Zitate wohl aktueller denn je.

Frankl sagte unmittelbar nach seiner Befreiung aus dem KZ Türkheim, dass es nicht nur gute Juden und böse Deutsche gibt, sondern nur gute und schlechte Menschen. Damit machte er sich bei vielen, soeben vom Konzentrationslager befreiten Juden, nicht nur Freunde. Als ich mit Ludwig Seitz 1995 die Veranstaltung zum 50. Jahrestag der Befreiung des KZs Türkheim organisierte, spielten wir auch die Rede Frankls von 1985 in Türkheim ab. Es war bei dieser Veranstaltung auch ein Bus mit Juden aus Israel anwesend. Als Frankl eben die Stelle von den Anständigen und Unanständigen, unabhängig von einer Rasse, zitierte, merkte man an den Reaktionen, dass diese Aussage von Frankl nicht alle Anwesenden gerne hörten. Neben Amerika denke ich auch an Israel beziehungsweise Palästina. Auch hier gibt es auf beiden Seiten anständige und unanständige Menschen. Und dies wird anscheinend in dieser Region oft übersehen.

Victor Frankl hat ja sogar seinen ehemaligen Lagerkommandanten in Türkheim, Karl Hofmann in Schutz genommen, oder?

Der Lagerkommandant Karl Hofmann war nicht so selbstlos, wie ihn Frankl sah. Das belegen die Gerichtsprotokolle bei der Münchner Staatsanwaltschaft. Es geht hier jedoch nicht um die richtige Einschätzung des Lagerkommandanten Karl Hofmann. Frankls geistige Leistung geht hier sehr viel weiter. Er sieht auch noch das Gut in einem „schlechten“ Menschen und gesteht ihm die Möglichkeit zu, sich zu bessern. Das hat mit Verzeihung und Vergebung zu tun.

In Bad Wörishofen findet ja vom 24. bis 26. April ein hochkarätiger Logotherapiekongress statt. Werden Sie dabei sein?

Zu Frankls 100. Geburtstag organisierte die Gesellschaft für Logotherapie ein Gedenken an Frankl am KZ-Ehrenmal bei Türkheim. Dies war deshalb gerechtfertigt, da Frankl seine Befreiung vom KZ Türkheim als seine 2. Geburt bezeichnete. Ludwig Seitz und ich durften damals die Organisation übernehmen, da wir vor Ort waren. Und nun haben sich die Ausrichter dieses Kongresses wieder an uns erinnert und so haben wir uns überlegt, zu diesem Kongress eine Dokumentation mit dem Titel „Frankl im KZ Türkheim“ zu erstellen. Die Dokumentation ist an allen drei Tagen im Gemeindesaal der Evangelischen Erlöserkirche, wo auch der Kongress stattfindet, zu sehen.

der gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse und der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde veranstaltet wird, widmet sich der Logotherapie in ihrer ganzen Vielfalt. Ausführliche Informationen gibt es unter www. logotherapie-gesellschaft.de

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