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Dialekt

08.11.2015

Es ist Zeit für mehr Selbstbewusstsein

Um am Gymnasium nicht von oben herab behandelt zu werden, legte Landrat Hans-Joachim Weirather den Dialekt rasch ab. Das bereut er heute.
Bild: Johann Stoll

Warum der Schirmherr des Mundartwettbewerbs, Landrat Hans-Joachim Weirather, bedauert, in seiner Jugend zu schnell auf Hochdeutsch umgesattelt zu haben.

Heimat hat viel mit der eigenen Sprache, dem Dialekt zu tun. Mindelheimer und Memminger Zeitung haben zu einem Mundartwettbewerb aufgerufen, um den schwäbischen Dialekt zu fördern. MZ-Redakteur Johann Stoll sprach mit dem Schirmherrn der Aktion, Landrat Hans-Joachim Weirather.

Herr Weirather, Sie haben die Schirmherrschaft für den Mundartwettbewerb übernommen. Was verbinden Sie mit unserer schwäbischen Mundart?

Weirather: Meine Kindheit, das Aufwachsen auf dem Dorf. Schwäbisch war meine Sprache. Eine andere konnte ich auch während der ersten vier Jahre meiner Schulzeit nicht. Der Aufprall war hart, als ich von Fellheim ans Gymnasium nach Memmingen wechselte. Da mussten wir Landkinder die Erfahrung machen, dass wir mitleidig und etwas von oben herab betrachtet wurden. Die Stadtkinder hatten eindeutig die bessere Sprachkompetenz ist gleich Hochdeutsch. Wir vom Land mussten lernen, damit umzugehen und mussten uns möglichst schnell an Hochsprache gewöhnen.

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Haben Sie sich den Dialekt abgewöhnt?

Weirather: Wer mich im O-Ton hört, der weiß, dass ich meinen Dialekt nicht vollends verloren habe. Je nach dem Personenkreis um mich herum spreche ich Hochdeutsch oder Schwäbisch. Wie viele andere habe ich mit meiner Frau den Fehler gemacht, dass wir zwei uns zwar privat im Dialekt unterhalten, aber unseren Kindern haben wir von Anfang an Hochdeutsch beigebracht.

War das die Reaktion auf Ihre Erfahrungen am Gymnasium?

Weirather: Wir waren so sozialisiert, dass man Kinder nicht mit diesem vermeintlichen Nachteil ausstatten darf. Die Folge ist, dass unsere drei Kinder tatsächlich weit weniger Dialekt sprechen wie wir das taten. Besonders nette Momente in unserer Familie sind die, wenn wir zusammensitzen und meine Frau und ich den Kindern schwäbisch-allgäuerische Begrifflichkeiten beibringen.

Was macht den besonderen Charme unseres Dialekts für Sie aus?

Weirather: Das Selbstbewusstsein, dass das Schwäbische etwas Schönes ist, mussten wir wieder lernen. Ich erinnere mich an eine Tagung in Frankfurt. Da kam eine Frau auf mich zu und machte mir für meine Mundart ein ganz dickes Kompliment. Bedauerlicherweise gab es auch ein paar Jahrzehnte, wo wir keinen Anlass hatten, Selbstbewusstsein aus unserem Dialekt zu schöpfen. Während meiner Studentenzeit in München ist mir aufgefallen, mit welchem Selbstbewusstsein zum Beispiel die Niederbayern ihren Dialekt eingesetzt haben. Wir Schwaben haben die Mundart eher verleugnet. Wir haben uns schnell angepasst und plötzlich oberbayerische Begriffe verwendet. Das tun wir leider bis heute.

Spielt da nicht auch die etwas einseitige Vermittlung des Bayerischen Rundfunks eine Rolle? Dialekt ist dort meistens Münchnerisch oder Oberbayerisch. Fränkisch oder Schwäbisch kommen nur einmal im Jahr im Fasching vor.

Weirather: Ja, stimmt. Wer von außen auf Bayern draufschaut, der sieht das Ober- und Altbayerische. Das Fränkische und Bayerisch-Schwäbische kommen nicht vor. Wir haben durch unser nicht ausgeprägtes Selbstbewusstsein viel dazu beigetragen, dass das so ist. Deshalb ist es höchste Eisenbahn, da mal dagegenzuhalten.

Was macht für Sie der besondere Reiz der Mundart im Unterallgäu aus? Sie kommen ja im ganzen Landkreis herum.

Weirather: Wir haben eine große Vielfalt. Hätten wir den Dialekt nicht mehr, wäre das eine Verarmung unserer Sprache. Wir haben hier im Unterallgäu sehr unterschiedliche Ausprägungen – vom Mittelschwäbischen bis zum Allgäuerischen. Wir verstehen uns im Dialekt ja gut. Jede Teilregion hat sich ihre eigenen Begriffe gegeben. Das schafft zusätzliche Identität. Dialekt war nie etwas Starres. In der Zeit der französischen Besatzung flossen französische Begriffe in unseren Dialekt. Bagage verstehen wir als urschwäbischen Ausdruck genauso wie das Kanapee, auf das wir uns legen, wenn wir müde sind. Wir haben es schon verstanden, bestimmte Worte zu vereinnahmen.

Haben Sie schon mal was auf Schwäbisch geschrieben?

Weirather: (zögert und denkt nach).

Sonst wäre unser Mundartwettbewerb jetzt eine Riesengelegenheit für Sie.

Weirather: Ist das zulässig, dass der Schirmherr selbst zur Feder greift?

Ich werde bei der Jury ein gutes Wort für Sie einlegen.

Weirather: Ich denk mal drüber nach.

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