Newsticker

Söder warnt vor einer Lockerung der Corona-Regeln über Silvester
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. „Es ist doch einfach schade drum“

Müllvermeidung in Mindelheim

21.11.2017

„Es ist doch einfach schade drum“

Cornelius Benedicter (links) schätzt, dass er und sein Sohn Marc rund zwei Wochen brauchen werden, um den ehemaligen Bauernhof zu räumen. Einige der Sachen werden sie später in ihrem Geschäft an Bedürftige, aber auch an Sammler verkaufen.
5 Bilder
Cornelius Benedicter (links) schätzt, dass er und sein Sohn Marc rund zwei Wochen brauchen werden, um den ehemaligen Bauernhof zu räumen. Einige der Sachen werden sie später in ihrem Geschäft an Bedürftige, aber auch an Sammler verkaufen.
Bild: Sandra Baumberger

Die Entrümplungs-Profis Cornelius und Marc Benedicter räumen für ihre Kunden Häuser und Wohnungen. Dabei haben sie Bedürftige und auch die Umwelt im Blick.

Vor der Haustür zieht sich Cornelius Benedicter die Arbeitshandschuhe über. Er weiß bereits, was ihn dahinter erwartet: In jedem Zimmer des ehemaligen Bauernhofs stehen Kisten und Tüten, prall gefüllt mit Kleidung, Schuhen, Elektrogeräten und allerhand Kram, von dem sich der Besitzer bisher nicht trennen konnte. Weil ihm die Zwangsräumung droht, wird er jedoch nicht umhinkommen, auszusortieren – und deshalb sind Cornelius Benedicter und sein Sohn Marc hier. Sie sind professionelle Wohnungsentrümpler und wollen sich einen Überblick verschaffen, wie lange es wohl dauert, das Haus und den angrenzenden Stall zu räumen, in dem zwischen Schränken, Tischen, Stühlen, Kühlschränken, einem Bett, einem Crosstrainer und wieder jeder Menge Tüten kaum ein Durchkommen ist.

Die beiden schieben die Kleidung zur Seite, die an einer Stange hinter der Haustür hängt und so eine Art Windfang bildet. Sie werfen einen Blick ins Wohnzimmer, in dem der Bewohner aktuell lebt, in die Küche und das Bad und steigen dann die ausgetretene Treppe in den ersten Stock hinauf. Bei jedem Schritt gibt der Boden dort ein klein wenig nach. „Wäre nicht das erste Mal, dass ich irgendwo durchbreche“, sagt Marc Benedicter und grinst. Er ist froh, dass es im Haus sehr viel angenehmer riecht, als er vermutet hätte. Schließlich hatten sein Vater und er schon Einsätze, in denen sie Einmal-Overalls und Gasmasken getragen haben.

Große Schränke passen nicht in eine Sozialwohnung

Die Zimmer hier oben sind nicht ganz so voll wie die im Erdgeschoss, aber eben auch nicht leer. „Na ja, wenn das Haus leer wäre, würde man uns ja auch nicht brauchen“, sagt Marc Benedicter und nimmt das Einbau-Doppelbett in Augenschein. Außergewöhnlich ist es zwar durchaus, mit den im Kopfteil eingebauten Leuchten, doch es ist schon ein wenig kaputt und vor allem viel zu groß. In ihrem Seconhand-Laden „Va Bene“ bringen sie es nicht unter und die potenziellen Kunden in ihren Wohnungen mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht. Das gilt auch für den Kleiderschrank im nächsten Zimmer. „Vier Meter, so viel Platz hat keiner, der in einer Sozialwohnung lebt“, sagt Cornelius Benedicter. Der Schrank wird deshalb bei einem späteren Termin zerlegt und entsorgt – so wie vieles andere aus dem Haus. Was sie nicht ihrem Geschäft verkaufen können, sortieren die Entrümpler in die Kategorien Holz, Metall, Kunststoffe und Kleidung.

„Wir räumen komplett und hinterlassen das Haus besenrein“, sagt Cornelius Benedicter. Je nach Größe des Gebäudes dauert das üblicherweise fünf bis sechs Tage, bei Messie-Haushalten können es aber auch bis zu drei Wochen sein. „Einmal haben wir 400 Müllsäcke gebraucht, um überhaupt einen Weg freizumachen“, erzählt er. Und auch das Haus mit insgesamt 600 Quadratmetern Wohnfläche, in dem sich der Müll gut einen Meter hoch türmte, sei eine Herausforderung gewesen. Im Vergleich dazu ist der ehemalige Hof ein Kinderspiel. „In zwei Wochen sollte das zu schaffen sein“, schätzt Cornelius Benedicter – sofern sich keine unliebsamen Überraschungen wie asbesthaltige Platten oder Kanister mit Altöl oder Chemikalien auftun, deren Entsorgung ein wenig komplizierter ist.

Es gibt beinahe alles, außer feste Preise

In den fünf Jahren, in denen er nun als Entrümpler unterwegs ist, hat er schon einiges gesehen: Ein Haus zum Beispiel, das bis unters Dach akkurat mit Schreibwaren gefüllt war, durchsichtige Badewannen und auch die 2000-teilige Schallplattensammlung, in der gerade ein Kunde von „Va Bene“ stöbert. In dem Laden in den Räumen einer ehemaligen Metzgerei in Mindelheim gibt es – wie in den Wohnungen seiner Kunden – eigentlich nichts, was es nicht gibt: In den Regalen türmen sich Gläser, Krüge und Geschirr, ein Raum ist Antiquitäten vorbehalten, im nächsten hängen an Fleischerhaken Stühle von der Decke. Es gibt Haushaltswaren, Elektrogeräte, Lampen, Vorhänge, Koffer, Fahrräder, Bett- und Tischwäsche, Kurzwaren, tausende Buntstifte, Nippes aller Art, ein Regal mit Weinen, einen Ständer voller Gehstöcke und sogar zwei funktionstüchtige Spielautomaten.

Das einzige, was nirgends zu finden ist, sind Preise. Die hängen nämlich vom jeweiligen Kunden und seinen finanziellen Möglichkeiten ab. Wer gar nichts hat, bekommt auch einmal etwas geschenkt oder legt für eine prall gefüllte Tasche ein paar Euro auf den Tisch. „Der soziale Aspekt steht an erster Stelle“, sagt Cornelius Benedicter.

Daneben geht es ihm aber auch darum, nicht einfach alles wegzuwerfen. „Diese Wegwerf-Mentalität treibt uns eines Tages noch in den Ruin“, ist er überzeugt. Es sei doch einfach schade um die Sachen, deren einziger Makel meist darin besteht, dass ihr Besitzer sie nicht mehr braucht. Das sehen auch viele Kunden so. Besonders begehrt sind Möbel aus den 60er und 70er Jahren und außerdem „alles, was von Melitta ist. Das ist der absolute Reißer.“

Solche Schätze sind jedoch nicht in jeder Wohnung zu finden. „Wir kommen erst, wenn alle Erben sich bedient haben“, sagt Cornelius Benedicter, der sogar schon einmal erlebt hat, dass die Hinterbliebenen einen Geld-Spürhund durch die Zimmer geführt haben, ehe er und sein Sohn hinein durften. In dem ehemaligen Bauernhof ist damit nicht zur rechnen. Dessen Bewohner rät der Entrümpler, sich möglichst schnell zu überlegen, was er behalten will und was nicht und dann möglichst viel davon selbst zu verkaufen. Um den Rest kümmern sich dann die Profis.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren