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Porträt

14.05.2017

„Ich liebe alle meine Kinder“

Viktoria Wind aus Wiedergeltingen hat Fotos von allen „ihren“ Kindern in einem kleinen Büchlein aufbewahrt. Sie hat drei eigene Kinder – und noch einmal 25 Kinder dazu, die sie als Tagesmutter auf ihrem Weg ins Leben begleitete. „Ich hatte immer so viel Spaß mit meinen Kindern“, sagt die 77-Jährige glücklich.
Bild: Alf Geiger

Viktoria Wind (77) aus Wiedergeltingen zog in gut drei Jahrzehnten 25 Pflegekinder mit auf. Warum der Muttertag für sie immer etwas ganz Besonderes ist

In der kleinen, gemütlichen Stube stehen Blumen auf dem Tisch und an den Wänden hängen ein paar Bilder. Etwas mühsam setzt sich Viktoria Wind dazu, die Beine: „Es geht halt nicht mehr so gut wie früher“, sagt die 77-Jährige. Auf dem Fenstbrett zwitschert und flattert ein weißer Wellensittich. Gemütlich ist es hier, heimelig.

In der Hand hält Viktoria Wind ganz fest ein kleines, abgegriffenes Büchlein. Fotos, steht auf dem hellbraunen Kunstleder-Umschlag. Sie blättert jede Seite vorsichtig um, schaut sich die teilweise vergilbten Fotos immer wieder genau an.

In ihrem Blick sieht man die Liebe, die sie dabei empfindet. Liebe zu den Kindern, die dort zu sehen sind. Mädchen, Buben, Kleinkinder, Jugendliche. „Das sind meine Kinder“, sagt Viktoria Wind ganz stolz und auch ein wenig gerührt. „Mei, das ist ja schon so lang her...“, sagt sie und ihre Augen werden ein bisschen feucht dabei. So viele schöne Erinnerungen an so viele glückliche Stunden.

Die Kinder in ihrem kleinen Fotoalbum sind nicht wirklich „ihre“ Kinder – und irgendwie doch. Sie hat drei eigene Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, die allesamt selbst schon Kinder haben. Über fünf Enkel und sieben Urenkel freut sich die rüstige Wiedergeltingerin, die noch immer ganz alleine ihren Haushalt schmeißt und das Häuschen in der Buchloer Straße in Schuss hält.

Kinder zu haben, das war für sie immer selbstverständlich. So war es für sie keine schwere Entscheidung, zu ihren eigenen auch noch „fremde“ Kinder dazu zu nehmen. Als Tagesmutter hat Viktoria Wind in drei Jahrzehnten 25 Kinder mit groß gezogen. Manche waren nur ein paar Stunden am Tag bei ihr, andere oft die ganze Woche – gerade so, wie es die jeweilige familiäre Situation bei den Eltern der Pflegekinder erforderte.

Und für Viktoria Wind war es ganz normal, dass in ihrem Häuschen das Leben immer buchstäblich pulsierte: „Bei uns war immer was los“, sagt sie lachend und streicht beinmahe zärtlich über das Foto eines schwarzhaarigen Mädchens mit dunklen Augen. „Wir hatten immer wieder auch Kinder aus dem Ausland“, sagt sie dabei und ihre Gedanken scheinen abzuschweifen. „Die haben aber bei mir ganz schnell deutsch gelernt, weil sie ja immer auch mit unseren Kindern gespielt haben“. Erziehung, das war für Viktoria Wind keine „große Sache“, um die sie sich großartig Gedanken gemacht hatte.

„Mir hat das einfach Spaß gemacht“, sagt sie. Sie war eben Hausfrau und Mutter und konnte das Geld vom Jugendamt auch ganz gut gebrauchen, um die Haushaltskasse ein wenig auszubessern. „Aber wegen des Geldes braucht man das nicht machen...“, warnt die 77-Jährige. Denn unterm Strich könne man die Stunden nicht gegenrechnen, die es bedarf, um Kindern dabei zu helfen, sich in ihrem Leben zurecht zu finden.

Aufgeschürfte Knie, blutende Nasen, Husten, Bauchschmerzen, weinen, lachen, spielen und streiten, Hausaufgaben machen und Flöte spielen, Fußbälle in Fensterscheiben, abgebrochene Puppen-Ärmchen – die Liste ist so endlos lang, die Erinnerungen sind für Viktoria Wind das große Glück ihres Lebens. Mit fester Stimme sagt sie: „Ich liebe alle Kinder,“ und entdeckt in diesem Moment das Foto eines gedeckten Tisches, an dem ihre Kinder sitzen. Mit frisch gekämmten Haaren und sauber gebügelten Hemden. „Das war am Muttertag“, sagt sie und wieder scheint ein feuchter Schleier über ihre Augen zu huschen. „Das war schön“.

Muttertag, ja klar – das war natürlich immer etwas Besonderes im Hause Wind. Da sorgten die drei Kinder dafür, dass frühmorgens schon der Frühstückstisch gedeckt war und die Mädchen hatten schon kleine Blumensträuße auf der Wiese gepflückt. Und auch von den Gastkindern gab es meist eine kleine Aufmerksamkeit zum Muttertag, denn: „Mich nannten alle meine Kinder Mutti oder später Omi. Meine eigenen Kinder genauso wie die Pflegekinder“, sagt Viktoria Wind und sie ist ganz stolz dabei.

Natürlich war nicht immer alles nur eitel Sonnenschein und Viktoria Wind erinnert sich noch allzu gut an den schlimmen Tag, als die Eltern eines ihrer Pflegekinder zu ihr kamen, und ihr die schreckliche Nachricht vom Tod des Kindes überbrachten, das bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Das, so sagt sie heute erleichtert, war aber der einzige schwere Schicksalsschlag für sie als Tagesmutter – der Rest sind unbeschwerte und schöne Erinnerungen an eine viel zu schnell vergangene Zeit als Mutti.

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