1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Lieber grüne Wiese als Grüne Woche

Landwirtschaft

24.01.2019

Lieber grüne Wiese als Grüne Woche

Andreas Schmid aus Ettringen mit seinen Tieren. Er führt zusammen mit seinem Vater Josef den Betrieb, und er wünscht sich, dass über die Leistung der Landwirte in manchen Medien sachlicher berichtet wird. „Jeder möchte heutzutage für sich am technischen Fortschritt teilhaben. Aber von den Bauern erwartet man immer noch, dass wir barfuß hinterm Ochsen herlaufen.“
Bild: Sabine Schaa-Schilbach

Berlin ist für Josef Schmid und seinen Sohn Andreas weit weg. In Ettringen bewirtschaften sie einen Milchviehbetrieb und haben dabei meist ganz andere Sorgen, als dies häufig dargestellt wird

Im geräumigen Laufstall für die 100 Milchkühe von Andreas und Josef Schmid ist es kalt dieser Tage. Aber den Tieren macht das nichts aus. Zum Wohlfühlen brauchen sie ihre Herde, eine trockene Einstreu, leckeres Futter und einen geregelten Tagesablauf.

Josef Schmid (64) und sein Sohn Andreas (28) haben vor dreieinhalb Jahren den Laufstall mit Futterhalle, Maschinenhalle, Fahrsilos und Güllegrube neu gebaut, mittig zwischen Ettringen und Siebnach auf dem „grünen Acker“. In einem wettergeschützten Unterstand stehen außerdem die Iglus für gut ein Dutzend Kälbchen. Die Familie besitzt 95 Hektar landwirtschaftliche Fläche, davon sind zwei Drittel Acker und ein Drittel Wiese. Mais und Wintergerste dienen als Futter für die eigenen Tiere, der Winterweizen wird verkauft.

Nach dem Ertrag des vergangenen Jahres befragt, sind Vater und Sohn zufrieden. Mit „kleinräumigen Regenfällen“ hätten sie einfach Glück gehabt in diesem zu trockenen Sommer. Nur ein Schnitt Grünfutter sei verloren gegangen. Dem Getreideertrag hat die viele Sonne nicht geschadet, im Gegenteil: „Die Kornausbildung war gut.“ Auch mit dem Maisertrag sei man zufrieden gewesen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Andreas Schmid hat an der Uni in Hohenheim bei Stuttgart 2013 seinen Bachelor of Science in Agrarwissenschaften gemacht. Nach vier Semestern Grundstudium hat er die Kurse belegt, die für ihn wichtig waren: Pflanzenwissenschaft, Rinderhaltung und Grasland-Bewirtschaftung. Außerdem darf er Lehrlinge ausbilden. Vater und Sohn führen ihren Betrieb als Gesellschafter des Bürgerlichen Rechts, praktisch allein. Seit Kurzem haben sie stundenweise eine Hilfe für die Stallarbeit. Der Wohnsitz der Familie befindet sich in Ettringen, dort ist auch das Jungvieh am alten Hofstandort untergebracht.

Am Morgen und am Abend sind Vater und Sohn vor Ort im neuen Stall. Das Melken dauert gut zwei Stunden. Die Kühe müssen dafür erst aus ihrem Laufstall ins Freie und dann durch eine andere Tür in den Melkstand laufen. Im Winter gibt’s dabei gerne Gedrängel von draußen nach drinnen, im Sommer muss man sie schon mal bitten.

Das Füttern der Tiere ist auch nicht mehr Handarbeit. Der Futter-Roboter läuft langsam an einer Schiene entlang und lädt das Futter, in unterschiedlicher Zusammensetzung nach Tageszeit, direkt vor der Nase der Tiere ab. Wenn etwas besonders Gutes dabei ist, flitzen einige schlaue Kühe gerne schon mal von den vorderen auf die hinteren Plätze, wo es dann ein zweites Mal etwas Leckeres zu naschen gibt.

Das Thema „Roboter und Digitalisierung der Landwirtschaft“ hat so durchaus seinen Charme: „Man muss zum Füttern zwischendurch nicht mehr vor Ort sein.“ Andreas Schmid kann also seinen Samstagnachmittag im Stadion verbringen. Aber es gibt auch Schattenseiten. Internet-Anschluss am neuen Standort: bisher Fehlanzeige. Weitere aufwendige Investitionen, etwa in den Maschinenpark, wären wegen der hohen Kosten nur für Großbetriebe zu stemmen. Und wenn das Internet endlich funktioniert, hat der Landwirt in der heimischen Stube ständiges Standby: „Was piepst da jetzt, der Futter-Roboter oder die Biogas-Anlage?“

Die derzeitige „Grüne Woche“ in Berlin ist für die Schmids weit entfernt, auch im Kopf. Die unverbindlichen Politiker-Statements helfen nicht. Josef Schmid hat gute Erinnerungen an den ehemaligen bayerischen Agrarminister Josef Miller, „der hat was verstanden“, und klar, der war ja auch von hier.

Die neue bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber hat er auch schon getroffen, und sie hat bei ihm einen guten Eindruck hinterlassen. „Sie weiß, wovon sie redet“, sagt er, „und sie will die Betriebe besuchen.“

Bei diesem Thema kann sich Josef Schmid schon mal aufregen. „Zu mir kann jeder kommen und den Betrieb anschauen. Aber die Leute haben vorgefertigte Meinungen von uns Bauern, wir werden nicht genug geachtet und unsere Arbeit nicht anerkannt.“ Er vergleicht seinen Werdegang mit dem seines Sohnes. „Wir damals haben uns immer weitergebildet, wenn es nötig war. Wir mussten das nicht aufschreiben. Wir haben´s gemacht.“ Die heutige Generation, „das sind hervorragend ausgebildete Leute! Trotzdem ist unser Berufsbild in manchen Medien katastrophal.“

Andreas Schmid bestätigt das: „In der Öffentlichkeit wird oft nicht sachlich diskutiert. Es gibt Vorurteile und Ideologien. Wenn ich mir eine Talk-Runde im Fernsehen anschaue, dann sollten die Argumente gut recherchiert sein, sonst gibt es falsche Ergebnisse.“

Egal, ob es um den Nitratgehalt im Wasser gehe, um den Glyphosat-Einsatz oder das Insektensterben. Oder um die Anbindehaltung für Kühe im Stall. Damit solle man die kleinbäuerlichen Betriebe in Ruhe lassen, sagt Josef Schmid, und es seien gar nicht mehr die Politik und eine immer strengere Gesetzgebung, die man fürchten müsse, sondern es seien die Lebensmittelkonzerne, die ihre eigenen Kriterien entwickelten, die dann Standards würden. Weil die Schmids beim Stallbau die Vorgaben für das „Tierwohl“ eingehalten hätten, habe es damals fünf Prozent mehr Fördergelder gegeben. Inzwischen wüssten sie nach nur dreieinhalb Jahren nicht mehr, ob ihr Betrieb immer noch vorschriftsmäßig sei, was das Tierwohl beträfe. Man brauche doch vor allem Planungssicherheit, wenn die Investitionen so hoch seien, so die Landwirte.

Josef Schmid hofft, dass die Arbeit auf einem modernen Hof denen „aus der Stadt“ nahe gebracht werden kann. „Wir sind es doch, die sich kümmern um unsere Tiere. 365 Tage im Jahr“. Die braungefleckte Kuh auf der blühenden Alpenwiese vor Berggipfeln, vielleicht noch von Hand gemolken, sei ein Relikt aus vergangenen Zeiten, eine Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Welt.

„Jeder möchte heutzutage für sich am technischen Fortschritt teilhaben“, betont er, „aber von den Bauern erwartet man immer noch, dass wir barfuß hinterm Ochsen herlaufen!“

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%2020180704_123858.tif
Westernach

Volksbegehren: So können Sie zum Blühpaten werden

ad__pluspaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live, aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Plus+ Paket ansehen