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Bad Wörishofen

12.09.2018

Unüberhörbares Zeichen für das Kneippianum

Die Kneipp'schen Stiftungen schließen zum 1. November das Kneipp- und Gesundheitsresort Kneippianum in Bad Wörishofen. Dagegen haben nun rund 250 Menschen ein Zeichen gesetzt.
Video: Markus Heinrich

Aus Solidarität mit den entlassenen Mitarbeitern und als Signal gegen die Schließung gingen 250 Menschen in aller Stille auf die Straße.

Einen stillen Protest hatten sich die Organisatoren des Solidaritätsgangs gewünscht – und daran hielten sich die rund 250 Teilnehmer am Dienstagabend auch. Und doch – die Stimmung in der Bad Wörishofer Bevölkerung ist spätestens seit gestern Abend unüberhörbar und unübersehbar: Die Entscheidung des Ordens der Barmherzigen Brüder, das traditionsreiche und direkt auf den weltberühmten „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp zurückgehende Vier-Sterne-Hotel hat in der Bevölkerung Bestürzung, Enttäuschung und auch Wut ausgelöst.

Diese Gefühle brachen sich gestern Abend Bahn, auch wenn sich die Teilnehmer des Solidaritätsganges an die Vorgaben der Organisatoren der Bürgerinitiative „Kneippjubiläum 2021“ hielten und auf Plakate oder Spruchbänder verzichtet hatten. „Wir sind die schweigende Mehrheit, die heute endlich mal ihrem Ärger Luft macht“, sagte ein Teilnehmer. „Wir können jetzt nur hoffen, dass wir ein sichtbares Zeichen gegen die Schließung des Kneippianums setzen können“.

Doch es war schon zu spüren, dass sich sehr viele der Teilnehmer schon gehörig auf die Zunge beißen mussten, um nicht lautstark gegen die Ordensleitung der Barmherzigen Brüder und auch gegen den zuständigen Verwaltungsdirektor Ansgar Dieckhoff zu schimpfen.

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Vor allem Dieckhoff wurde gestern von Teilnehmern im Gespräch dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Mitarbeiter des Kneippianums über die „rauen Umgangsformen“ beschwert hatten. Von „Kündigungen im Fünf-Minuten-Takt“ war dabei die Rede und zahlreiche geschasste Mitarbeiter hatten sich später bei der Mindelheimer Zeitung gemeldet und die zunächst anonym vorgebrachten Schilderungen bestätigt und teilweise sogar noch weitaus drastischer geschildert.

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Ein deutliches Zeichen für das Kneippianum
Bild: Alf Geiger

Von einem „Klima der Angst“ war dabei ebenso die Rede wie von Einschüchterungsversuchen und Drohungen gegenüber Mitarbeitern für den Fall, sich öffentlich zu äußern. „Von Barmharzigkeit war da jedenfalls nichts zu spüren“, so eine Mitarbeiterin, die nach jahrelanger Mitarbeit im Kneippianum ohne Vorankündigung ihre Kündigung bekommen habe und jetzt vor einer unsicheren Zukunft stehe.

Gestern war dem Vernehmen nach sowohl der Provinzial des Ordens der Barmherzigen Brüder, Frater Benedikt Hau, wie auch Verwaltungsdirektor Ansgar Dieckhoff vor Ort. Zu einer Stellungnahme waren die beiden aber auch nach einer erneuten Anfrage unserer Zeitung nicht bereit.

Das „Erbe Kneipps werde mit Füßen getreten, dass es eine Schande ist“, hatten Mitarbeiter in einem anonymen Schreiben ihrem Unmut Luft gemacht (MZ berichtete). Die geschassten Mitarbeiter fühlen sich „betrogen und belogen“. Insgesamt wurden 68 Mitarbeiter offenbar ohne Vorwarnung entlassen.

Weltweit gehören dem katholischen Orden 1200 Ordensmänner an, in Bayern sind es gut ein halbes Dutzend. Die Barmherzigen Brüder sind gleichzeitig ein Sozialkonzern mit gut 50 000 Beschäftigten in 350 Krankenhäusern und therapeutischen Einrichtungen. 2002 hatte der Orden das Kneippianum vom Orden der Mallersdorfer Schwestern übernommen. Im Zuge dieser Übernahme schlossen die Barmherzigen Brüder die Kneipp’sche Kinderheilstätte, die einst persönlich von Pfarrer Kneipp gegründet worden war.

Aus wirtschaftlichen Gründen und angesichts eines „substanziellen Defizits“, das trotz einer Auslastung von 66,5 Prozent in den vergangenen Jahren aufgelaufen sei, sei ein Weiterbetrieb des defizitären Kneippianums jedoch nicht zu rechtfertigen, ließ Verwaltungsdirektor Ansgar Dieckhoff unmittelbar nach Bekanntwerden der Schließung Anfang August wissen.

Gestern war vonseiten der Verantwortlichen der Kneipp’schen Stiftungen im Orden der Barmherzigen Brüder wieder nichts zu hören. Auch nicht, ob die vielen Stimmen aus Bad Wörishofen überhaupt ernst genommen werden. Vom Stadtgarten im Gärtnerweg und von Wandelhalle im Promenadenweg setzten sich zwei Gruppen in Gang, die sich dann bei der Gradieranlage im Kurpark trafen.

Die beiden Organisatorinnen von der Bürgerinitiative, Maria Luise Ludl und Regine Glöckner, begrüßten die Teilnehmer und waren sichtlich stolz, dass sich weit mehr an dem „Solidaritätsgang“ beteiligt hatten, als gedacht.

„Wir wollen zeigen, dass es uns nicht wurscht ist, was mit und um Kneipp in unserer Stadt passiert“, sagte Regine Glöckner und wendete sich auch direkt an die betroffenen Mitarbeiter des Kneippianums, denen der Solidaritätsgang auch gewidmet war: „Wir wollen Mut machen und uns zeigen“, so Glöckner. Der Solidaritätsgang habe seinen Zweck dann erfüllt, wenn „wir Haltung zeigen für Sebastian Kneipp, dem wir die Liebenswürdigkeit unseres Ortes verdanken“, sagt Glöckner und erntete dafür anhaltenden Applaus von den Teilnehmern.

Zeitgleich mit dem Solidaritätsgang las Stadtpfarrer Andreas Hartmann in der Fachklinik für Herz-Kreislauferkrankungen und Orthopädie (LVA) eine Messe und machte unmissverständlich deutlich, wem seine Solidarität gilt: „Ich möchte heute während der Messe besonders für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Häuser beten, aber auch für alle, die sich gerade im unserem Kurort zurecht sorgen“ so Hartmann in seiner Predigt.

„Stellt nicht euer Licht unter dem Scheffel“ sei ein Satz aus der Bibel, der ihm wichtig sei: „Wir haben in Bad Wörishofen Wissen und Erfahrung, wie Menschen seelisch und körperlich geheilt werden können. Dieses Wissen und vor allem die Erfahrung der Mitarbeiter darf nicht verloren gehen. Das Kneippianum ist ein Leuchtturm unserer Stadt, dieser darf nicht ausgehen und muss ein Haus bleiben, in dem Menschen mit der Kneipptherapie Heilung erfahren“, so der Stadtpfarrer.

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