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Ulm

04.04.2016

„Alice im Wunderland“: Schluss mit lustig

Drogenrausch statt Kindesfantasie: Dennis Hurler (links) und Hannah J. Elischer in Nick Körbers Neuinterpretation von „Alice im Wunderland“.
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Drogenrausch statt Kindesfantasie: Dennis Hurler (links) und Hannah J. Elischer in Nick Körbers Neuinterpretation von „Alice im Wunderland“.
Bild: Florian L. Arnold

Die Inszenierung des Ulmer Akademietheaters von „Alice im Wunderland“ ist nichts für zarte Gemüter

„Alice im Wunderland“ – bei diesem Titel denkt man natürlich an Lewis Carrolls legendäres Buch, an den weißen Hasen mit der Taschenuhr und an das Mädchen Alice, das in ein rätselhaftes Wunderland gerät. Ist schon Carrolls Vorlage mit düsteren und unheilvollen Momenten gespickt, so nimmt Regiestudent Nick Körber in seiner Fassung des Stoffes für das Akademietheater in Ulm alles potenziell Niedliche und Kindliche heraus.

Sein Alice ist ein 16-jähriger Junge, der „immer das macht, was man ihm sagt“. Und so nimmt er bei einer Party auch brav eine Trenddroge ein – und sieht das weiße Kaninchen, dem er nachrennt. Alice im Wunderland hat allerdings bald Grund, Angst zu haben: die Herzkönigin ist ein skrupelloser Vamp, der die Zeit angehalten hat, um ihre Schönheit zu bewahren. Damit niemand ihre Terrorherrschaft beenden kann, bewahrt sie ihr Herz in einem Kästchen auf, das gut versteckt ist. Wenn es eine Rettung nicht nur für das Wunderland sondern auch für Alice geben soll, muss dieses Herz durchstoßen werden.

Drogenrausch statt Kindesfantasie, (blutiger) Ernst statt bunter Fantasiewelt: Nick Körber schrieb und inszenierte seine „Alice“-Variation sehr frei nach dem Originalstoff von 1865. „Lustig“ ist da nichts, dafür geizt die Inszenierung nicht mit Anspielungen und psychologischer Hinterleuchtung. Die Aktualisierung in die Moderne funktioniert. Als Raupe, Kaninchen und Grinsekatze überzeugt Hannah J. Elischer. Melly Schmidt als wollüstige Herzkönigin meistert den schmalen Grat zwischen wahnsinniger Tyrannin und verletzter Seele. Wenn sie „Kopf ab!“ schreit läuft es einem kalt den Rücken herunter. Wenn sie gegen Ende des Stücks die Quelle ihrer Lust und ihrer Aggressivität bloß legt, bleibt kein Zuschauer unberührt.

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Als Alice gefällt Dennis Hurler – anfangs naives Kind, zuletzt dem Wahnsinn des „Wunderlandes“ anheim fallend. Mit knappem Bühnenbild entwirft Körber mit seinen Darstellern eine rabenschwarze Variante des Caroll’schen Stoffes. Dass die Inszenierung sich am Ende aber mit dem psychologischen Knüppel in ein Missbrauchs- und Morddrama wendet, nimmt der aufgebauten Spannung vieles von ihrem Zauber. Das schwarze Märchen wird zur Realität.

Das macht zwar betroffen – verwirft somit aber leider auch vieles von dem durch die Darsteller so gewitzt aufgebauten Gegenwelt-Charme.

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