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Ulm

04.12.2020

Amok-Alarm: Neuntklässler berichtet von bangen Stunden

Zahlreiche Polizisten, Rettungskräfte und ehrenamtliche Helfer waren im Einsatz.
Bild: Alexander Kaya

Plus Viereinhalb Stunden im Klassenzimmer eingesperrt: Ein Neuntklässler erzählt, wie er die bangen Stunden während des Großeinsatzes in Ulm erlebt hat.

Die Stadt hielt den Atem an. Donnerstag 12 Uhr: Amokalarm an einer Ulmer Waldorfschule. Mehrere Schüler hatten einen vermummten und bewaffneten Mann im Schulgebäude gesehen. Sofort begann ein Großeinsatz der Polizei. Schwer bewaffnete Beamte riegelten das Gelände ab und suchten den Verdächtigen.

Benjamin Filius erlebte den Amok-Alarm in Ulm mit.
Bild: Sammlung Filius

Die Schüler durften ihre Klassenzimmer plötzlich nicht mehr verlassen. Auch Benjamin Filius (15) nicht. Vor jeder Tür auf den Gängen wachten nun Polizisten. Nicht einmal aufs Klo konnten die Schüler mehr gehen. Eltern strömten zum Gebäude der Schule in der Ulmer Weststadt.

Großeinsatz nach Amok-Alarm in Ulm

Ob er Angst hatte, als er und seine Klassenkameraden über den Lautsprecher im Klassenzimmer darüber informiert wurden, dass es an ihrer Schule womöglich einen Zwischenfall gegeben habe? „Angst eigentlich nicht“, sagt Benjamin Filius unserer Redaktion, der zum Zeitpunkt der Durchsage gerade Religionsunterricht hatte. Angespannt sei die Stimmung jedoch schon gewesen. Durchgesagt wurde der Amokalarm um 12.16 Uhr.

Details über den Einsatz und den Verdacht erfuhren die zu ihrem eigenen Schutz eingesperrten Schüler nicht. Sie hätten lediglich erfahren, dass mehrere Schüler (Erst- und Zweitklässler) in der Schule einen vermummten und ganz in Schwarz gekleideten Mann gesehen hätten. Der bewaffnet gewesen sein soll. Womit, das sei ihm nicht bekannt, sagt Filius. Die Polizei teilte mit, nachdem der Einsatz beendet war: Die Schüler hätten eine Pistole bei dem Mann erspäht.

Schüler muss in Eimer pinkeln, weil er nicht auf die Toilette darf

Die Alarmierungskette funktionierte reibungslos. Mit ihrem Verdacht hatten sich die Schüler an eine Lehrerin gewandt, und diese sich wiederum an den Schulleiter. Dieser setzte sich mit der Polizei in Verbindung. Und die nahm den Verdacht ernst, schickte sogar Spezialeinsatzkräfte an den vermeintlichen Tatort.

Amok-Alarm: Neuntklässler berichtet von bangen Stunden
22 Bilder
Amok-Alarm an Ulmer Schule: Fotos vom Großeinsatz der Polizei am Kuhberg
Bild: Alexander Kaya

Für Benjamin Filius und seine Mitschüler bedeutete dies: warten. Geschlagene viereinhalb Stunden durften sie den Klassenraum nicht verlassen. Eigentlich wäre der Schultag für Benjamin Filius um 13 Uhr beendet gewesen. Stattdessen wurde es schon wieder dunkel, als er mit seinen Mitschülern am Donnerstag das Schulgelände verlassen durfte.

Filius erinnert sich: Als ein Mitschüler aufs Klo musste, sei diesem von einer SEK-Beamtin ein Eimer ins Klassenzimmer gereicht worden. In diesen habe der Mitschüler dann gepinkelt. Andere Schüler in anderen Klassenzimmern hätten es diesbezüglich etwas einfacher gehabt. Diese hätten auf Waschbecken zurückgreifen können.

Gerücht: Lehrerin als Geisel genommen

Viereinhalb Stunden ausharren, in Unsicherheit. Da kommen schnell Mal Gerüchte auf. So kursierte zeitweise die Annahme, dass eine Lehrerin von dem Verdächtigen als Geisel genommen worden sei. Doch das war Fake News. Am Abend teilte die Polizei mit, dass trotz umfangreicher Such- und Ermittlungsmaßnahmen keine Person festgestellt werden konnte, auf die die Beschreibung des Verdächtigen passte. Ausdrücklich lobte Ulms Oberbürgermeister die Einsatz- und Rettungskräfte für deren „professionellen Einsatz“.

Wie er die Zeit im Klassenzimmer bis zur Erlösung am frühen Abend rum bekommen hat? „Ich hab’ vor allem Musik gehört“, sagt Filius. Und er habe seinem Bruder Bescheid gegeben, dass alles in Ordnung ist. Der sei Student und saß gerade zuhause im Homeoffice am Rechner. Verpflegt hätten sie sich im Klassenzimmer unter anderem mit Lebkuchen.

Großeinsatz in Ulm: Amokfahrt in Trier im Kopf

Bis die Polizei am Abend mitteilte, dass sich der Amokalarm nicht bestätigt habe, mussten viele Eltern mehrere Tode vor Angst um ihre Kinder sterben. Erst am späten Nachmittag wurde es Gewissheit, dass tatsächlich alles ok ist – und die Schüler sich wohl zu keiner Zeit in Gefahr befanden.

Erleichterung zeigte auch OB Gunter Czisch: „Sicherlich hatten auch Sie die noch frischen Bilder der Amokfahrt in Trier im Kopf, als Sie die Alarmierung erreichte. Ich bin froh, dass der Ernstfall nicht eingetreten ist.“ Er sei zugleich beruhigt, dass die abgestimmten Meldeketten und Abläufe funktionieren. Nach dem Amoklauf von Winnenden waren diese vom „Arbeitskreis Amok“ für Ulm erarbeitet worden.

Schüler wurden in einer nahen Halle betreut

Groß war die Aufregung in der ganzen Stadt. Auch Schüler anderer Ulmer Schulen wurden angehalten, diese nicht zu verlassen. Eltern, die zu der betroffenen Waldorfschule geeilt waren, wurden in einer nahen Sporthalle von der Polizei, Notfallseelsorgern und Rettungskräften betreut. Dort kam es dann auch zu Zusammenführungen. Mit Bussen waren Schüler später auch direkt zu der Halle befördert worden.

Am Freitag stand für Benjamin Filius wieder Unterricht auf dem Stundenplan. Ob er das Schulgelände am Morgen mit einem mulmigen Gefühl betreten habe? „Nein“, sagt der 15-Jährige. Es sei ja quasi ein „Fehlalarm“ gewesen.

Stadt Ulm bietet Hilfe bei Aufarbeitung an

Die Stadt nimmt eine mögliche Verunsicherung der Beteiligten ernst. Am Freitag bot sie Unterstützung an, „falls konkrete Hilfe bei der Aufarbeitung der Erlebnisse benötigt werde“. Für den Fall, dass die angespannte Situation Ängste geschürt und traumatisch gewirkt habe. Auf Benjamin Filius eher nicht.

Den Schülern, die die verdächtige Person gemeldet haben, ist er nicht böse. Im Gegenteil. Es sei besser, vorsichtig zu sein. Es sei ja nicht auszuschließen gewesen, dass da tatsächlich jemand einen Amoklauf geplant habe. Leider.

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