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Theater

10.10.2011

Aus dem Innenleben eines Amokläufers

Aus dem Innenleben eines Amokläufers: Amok beherrscht Jens alias Cold. Juli Zehs „Good morning, Boys and Girls“ hat ein merkwürdiges Ende.
Bild: Foto: Dagmar Hub

Juli Zehs „Good morning, Boys and Girls“ im Podium

Ulm Neun Monate geht Jens, der sich im Internet „Cold“ nennt, schwanger mit einer Vorstellung, die mehr und mehr Besitz von seiner inneren Realität ergreift: Gierig darauf, etwas zu tun, was in dieser „Karaoke-Welt“ keiner vor ihm getan hat, gierig darauf, ins Fernsehen zu kommen, entwickelt der 16-Jährige in sich den Countdown eines Amoklaufs.

Juli Zehs im vergangenen Jahr uraufgeführtes Auftrags-Bühnenwerk „Good Morning, Boys and Girls“ im Podium des Theaters Ulm konfrontiert den Zuschauer mit dem Versuch einer Vorstellung des Innenlebens eines jugendlichen Amokläufers.

Drastische optische und akustische Mittel

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Weil die Worte fehlen, dem Unbegreiflichen wirklich nahe zu kommen, greift Katja Langenbach zu drastischen optischen und akustischen Mitteln (der quälend lange Einsatz eines Stroboskops, ein anhaltender Pfeifton, einem raumimmanenten Tinnitus ähnlich), die dem Publikum ein Gefühl der Unentrinnbarkeit geben.

Jens, Sohn eines gewollt unkonventionellen Galeristen-Paars (Sibylle Schleicher als nie Grenzen setzende Mutter, Thomas Kollhoff als erfolgreicher Vater, der in seinem Leben keinen Platz für einen Sohn hatte), ist begabt, sensibel, hilfsbereit und extrem angepasst – für seine Klassenkameraden in der harten Hackordnung der Schule der Loser, das Opfer unter den Opfern. Jens (Florian Stern) drückt seine rächenden Gewaltfantasien in Kurzgeschichten aus, die eine Lehrerin (Tini Prüfert) zwar nach Aufbau und Ausdrucksfehlern korrigiert, deren emotionalen Überdruck sie aber nicht realisiert; stattdessen kommuniziert sie mit Jens in einem scheinbar freundschaftlichen, persönlich aber desinteressierten Sozialpädagogen-Jargon. Jens verstrickt sich immer enger in seinem inneren Gefängnis, das neongrüne Gummibänder zum Spinnennetz machen.

Jens fantasiert Interviews mit seinen Eltern nach seinem Amoklauf-Selbstmord, er fantasiert die elterlichen Vorwürfe an seinem Grab, die Vision von Vater und Mutter, abgeschnitten von Vergangenheit und Zukunft reduziert darauf, für den Rest ihres Lebens die Eltern eines Massenmörders zu sein. Die Amokgedanken selbst personalisiert Katja Langenbach in der martialisch-drohenden Figur „Amok“ (Jonathan Berlin), die sich – stets mit einer Maschinenpistole bewaffnet – der Gedanken anderer bemächtigt.

Jens´ ungeschützte Haut ist nicht dafür geschaffen, mit der Kälte der Welt in Berührung zu kommen; seine Sehnsucht nach Würde und bedingungsfreier Liebe macht ihn zum hasserfüllten Krieger gegen diese Welt. Die Leistungsfrage umgibt Juli Zehs Figuren – ohne den Hinweis, dass es für jedes individuelle Leben keinen Präzedenzfall gibt. Juli Zehs eigentliches Thema ist jedoch nicht die Frage nach den Auslösern des Phänomens Amoklauf; ihr Thema ist der mediale Umgang mit dem Täter, die Aufmerksamkeit für die Schreckensfigur, die dann rasch wieder in Vergessenheit gerät. Synonymisch bleiben Ortsnamen: Columbine, Springfield, Winnenden oder Erfurt.

Ein merkwürdiger Schluss: Ob Jens seine Gewaltfantasien an seiner Schule umgesetzt hätte, bleibt offen. Jens, der geplant hatte, zum Massenmörder zu werden, kommt einmal mehr im Leben zu spät. Susanne (Aglaja Stadelmann), die er als Seelenverwandte wähnte, führt den von ihm geplanten Amoklauf aus, zu dessen Opfern Jens selbst gehört. Susanne überlebt. Die Fragen sind deutlich, die Medienkritik auch. Erkenntnisse gibt es wenig.

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