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Ulm

17.04.2018

Blöd ist auch nicht besser

Schlau sein ist gut, macht aber auch viel Arbeit. Die Schildbürger haben darauf keine Lust: Deswegen stellen sie sich in der neuen Produktion des Jugendclubs Schauspiel dumm.
Bild: Tobias Rägle

Der Jugendclub Schauspiel zeigt im Podium „Die Schildbürger oder Der schnelle Weg zur Dummheit“. Ein geist- und temporeiches Stück, das auch neue Trends thematisiert

Wer Talente und Fähigkeiten hat, die andere nicht haben, von dem wird mehr erwartet als von anderen. Aber lebt es sich nicht netter und bequemer als Standard-Mensch mit Standard-Leben und Standard-Job? In einer kleinen Stadt ist die Hälfte der Bewohner auf Geschäftsreise; die andere Hälfte – vornehmlich Frauen – ärgert sich, von der Stadtverwaltung über die Bildung und Erziehung der Kinder bis hin zur Müllabfuhr alle Aufgaben alleine bewältigen zu müssen. Und auch die Abwesenden sind nicht glücklich. Sie möchten lieber zuhause sein und sich um die Familie, die Freunde und das Häuschen kümmern. Als zwei Abgesandte des Großmoguls von Stambul im Städtchen erscheinen und einen Auftrag zum Bau eines Staudamms vergeben sollen, fällt die Entscheidung: Künftig will man sich im Städtchen dumm stellen. Wer sich dumm stellt, hat es leichter und muss weniger arbeiten.

Angelehnt an die Erzählung „Die Schildbürger bauen ein Rathaus“ haben Corinna Merker, Christian Streit und Dramaturg Martin Borowski mit 15 Mitgliedern des Jugendclubs Schauspiel des Theaters Ulm in den vergangenen Monaten „Die Schildbürger oder Der schnelle Weg zur Dummheit“ entwickelt. Das Stück ist eine Abfolge von Szenen, temporeich und mit Spielfreude auf die Bühne gebracht. Unter der Geschwindigkeit des Spiels und der Bilderabfolge leidet allerdings die Ausarbeitung der Ideen, die oft nur angedeutet sind.

Ein Mädchen im Paillettenkleid (Vendija Priedite) steht auf der Bühne und singt zu Klavierbegleitung (Isabel Lichtenberg). Die Sängerin wird von anderen jungen Schauspielern verscheucht. Fortan wird im Stück gerappt, die Bilderfolge ist von der Energie des Hip-Hop geprägt. Es geht lautstark gegen Konsum, gegen eine gestresste Welt, gegen den Bürokratie-Wahn; es geht dagegen, naiv Meinungen nachzulaufen und den eigenen Tellerrand zum Horizont zu erklären. Dummheit ist zum Beispiel, wenn man Richard Wagner mit einem Tiefkühlpizzahersteller verwechselt. Sprichwörter und Sprüche stehen auf Tafeln am Rand von Britta Lammers’ Bühnenbild, die im Lauf des Stückes verändert werden. Aus „Der Klügere gibt nach“ wird „Der Klügere kippt nach“. Nur: Wer belehren will, sollte den Imperativ „Esst“ auch korrekt schreiben.

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Kurz angedeutet werden gefährliche aktuelle Trends unter Jugendlichen wie Wodka-Tampons. Eine witzige, geistreiche Szene übersetzt Reinhard Meys „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ ins Optische – der Weg vom Ausfüllen eines Antragsformulars durch viele Hände und Instanzen bis hin zur „Ablage rund“.

Sie bauen ihr dreieckiges Rathaus, die Schildbürger, sie scheitern, weil sie vergessen, Fenster einzubauen: Sich dumm zu stellen, birgt halt die Gefahr, zu verblöden. Von Anbeginn an skeptisch ist nur der Schweinehirte, der sich am Ende als Philosoph herausstellt und der von Jonas Lenz authentisch verkörpert wird. Wo Schilda liegt? Überall, wo auf der Welt unsinnige Entscheidungen getroffen werden.

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