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Neu-Ulm

10.01.2018

Böhse Onkelz sollen Menschen in die Kirche locken

Mit diesem Plakat wird in Neu-Ulm für „Freigeist“ geworben. "Wir ham noch lange nicht genug" ist ein bekannter Song der Band "Böhse Onkelz".
Bild: Marcus Golling

"Wir ham noch lange nicht genug": Warum ein evangelischer Gottesdienst in Offenhausen einen Titel der umstrittenen Rockband "Böhse Onkelz" als Motto hat.

Ein bisschen zuckt der Musikkenner beim Lesen schon zusammen: „Wir ham noch lange nicht genug“ steht auf dem Plakat, mit dem für einen Gottesdienst am Freitag geworben wird. „Wir ham noch lange nicht genug“ ist einer der bekanntesten Songs der Böhsen Onkelz – also einer Gruppe, die mit ihrem Deutschrock zwar heute Stadien füllt, aber in jungen Jahren in der Skinhead-Szene für Texte wie „Türken raus“ bejubelt wurde. Eine ehemalige Nazi-Band als Mottogeber für einen evangelischen Gottesdienst, der noch dazu unter der Überschrift „Freigeist“ steht? Passt das?

Wer vom falschen Weg abkehrt, kann rehabilitiert werden

Ruth Simeg, seit zwei Jahren evangelische Pfarrerin an der Erlöserkirche in Offenhausen, findet schon. „Ich weiß, dass die Böhsen Onkelz eine rechte Vergangenheit haben, aber das ist 30 Jahre her“, sagt sie. Heute engagiere sich die Band sogar gegen Rechts. „Es ist auch wichtig zu zeigen, dass jemand, der sich vom falschen Weg abkehrt, rehabilitiert werden kann.“ Das mache aus den Onkelz natürlich „keine Unschuldslämmer und keine Heiligen“.

Davon abgesehen passt das zugegebenermaßen provokante Motto Pfarrerin Simeg zufolge einfach gut zum Gottesdienst. „Es geht darin um das Gefühl, dass wir eigentlich genug haben, aber immer noch mehr wollen und nicht satt werden.“ Und dazu bedeutet „Wir ham noch lange nicht genug“ für das ehrenamtliche Organisationsteam aus drei evangelischen Pfarrgemeinden in Neu-Ulm, dass es nach der „Freigeist“-Premiere im Oktober 2017 mit rund 100 Gottesdienstbesuchern in der Petruskirche einfach noch Bock auf mehr hat.

Böhse Onkelz sollen Menschen in die Kirche locken
Die Band "Böhse Onkelz" ist umstritten. Hier der wegen Körperverletzung und Unfallflucht verurteilte Böhse-Onkelz-Sänger Kevin Russel vor Gericht.
Bild: Marius Becker, dpa

Zielgruppe sind die Gläubigen zwischen 40 und 50 Jahren

Das Format, so erklärt die 35-jährige Simeg, richte sich an Menschen, die zwar nach etwas suchen, das aber nicht am Sonntagvormittag im normalen Gottesdienst finden. Menschen, die irgendwann nach der Konfirmation den Kontakt zur Kirche verloren haben. Aber auch Menschen, die vielleicht früher schlechte Erfahrungen mit Kirche gemacht haben. Es ist die Zielgruppe der (mehr oder weniger) Gläubigen zwischen 40 und Mitte 50, um die es geht. Sie bekommen einen Gottesdienst, für den man kein Vorwissen braucht. Kein Wechselgebet, dafür eine Band und an die Wand projizierte Liedtexte zum Mitsingen. Ja, auch „Wir ham noch lange nicht genug“ von den Böhsen Onkelz: „Endlich wieder neue Noten / neue Schweinerein / fiese Lieder, harte Worte / so soll es sein.“ Der Rest freilich ist neues geistliches Liedgut.

Das Motto "Freigeist" steht im Zeichen der Aufklärung und Reformation

Dass die neue, alle paar Monate stattfindende Reihe „Freigeist“ betitelt ist, findet die Pfarrerin übrigens nicht fragwürdig. Obwohl der Begriff inzwischen vor allem bei Verschwörungstheoretikern, Esoterikern und neuen Rechten eine beliebte Selbstbeschreibung geworden ist. „Ich lasse mir den Begriff nicht wegnehmen“, sagt Simeg. Sie und ihre Mitstreiter denken dabei eher an die Freigeister der Aufklärung – oder an den protestantischen Freigeist par excellence, den Reformator Martin Luther. Und der Heilige Geist, so die Pfarrerin mit einem Augenzwinkern, sei auf jeden Fall mit dem „Freigeist“-Team.

Das hat übrigens derzeit ganz andere Probleme als eventuell missverständliche Titel. Simeg: „Bei uns in der Erlöserkirche steht ein riesiger Christbaum, wir haben kaum Platz für die Band.“

Termin: „Freigeist – der etwas andere Gottesdienst“ findet am Freitag, 12. Januar, um 19 Uhr in der evangelischen Erlöserkirche, Martin-Luther-Straße 2, in Offenhausen statt. Nach dem Gottesdienst besteht die Möglichkeit zum Gespräch bei Snacks und Getränken.

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