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Prozess

18.07.2018

Der letzte Juwelenräuber ist verurteilt

Schmuck und 728 Luxusuhren stahlen die Männer.

Monate nach dem spektakulären fingierten Überfall am Autobahnparkplatz Drackensteiner Hang plaudert einer der Täter den Namen des Gesuchten aus. Jetzt muss auch der ins Gefängnis. Doch wo ist die Beute?

Mit einem weltweiten Haftbefehl wurde er gesucht, von einem Komplizen verraten. Schließlich machte die Polizei einen 61 Jahre alten mehrfach vorbestraften Berliner dingfest. Er war Teil der Bande, die am Autobahnparkplatz Drackensteiner Hang an der A8 einen Raubüberfall auf einen Werttransporter fingiert hatte. Die Verbrecher erbeuteten Luxusuhren und Schmuck im Wert von acht Millionen Euro, die bis bis heute nicht aufgetaucht sind. Im November 2017 hatte das Ulmer Landgericht die fünf Komplizen des 61-Jährigen wegen gemeinschaftlichen schweren Diebstahls und Vortäuschung einer Straftat zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Jetzt stand der sechste Täter vor Gericht und wurde nach acht Verhandlungstagen von der ersten Großen Strafkammer zu einem Freiheitsentzug von vier Jahren und drei Monaten verurteilt.

In einem aufwendigen Indizienprozess wurde der spektakuläre Fall noch einmal akribisch aufgerollt. Denn der Berliner schwieg bis zum letzten Tag und überließ dem Gericht die mühsame Detailarbeit mit hohem Zeugenaufwand. Die Beweise belasteten den Angeklagten schwer. Wohl auf Anraten seiner Verteidigerin gestand er am letzten Verhandlungstag die Tat, verschwieg aber weiter, wo die Millionenbeute verblieben ist, die er zum großen Teil in seinem Transporter nach Berlin transportiert hatte.

Mit der gelassenen Routine eines mehrfach Vorbestraften verfolgte der 61-Jährige den Prozess. Insgesamt 17 Jahre seines Erwachsenenlebens verbrachte er hinter Gittern, unter anderem wegen Diebstahls, schwerer Körperverletzung und Drogenhandels. Kaum hatte er die letzte Freiheitsstrafe abgebüßt, musste er nicht lange von fünf Kumpels überredet werden, bei einem angeblich todsicheren Coup mitzumachen. Der verurteilte Rädelsführer hatte ihn akribisch geplant und sichergestellt, dass keine Unschuldigen zu Schaden kommen.

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Die Männer aus Berlin und dem Raum Stuttgart kannten sich aus einem professionellen bundesweiten Skatclub-Milieu, man traf sich unter anderem in Luxusbordellen. Als die Geschäfte mit der Abzocke unbedarfter Kartenspieler nicht mehr so gut lief, ersann einer der fünf Spieler, ein kokainsüchtiger Berliner, wie man, ohne allzu viel Aufwand, zu einem Vermögen kommen könnte, das ein lebenslang unbeschwertes Leben garantieren sollte: mit einem fingierten Überfall auf einen Werttransporter. Wie es der Zufall wollte, war einer der Skatbrüder Fahrer bei einer auf Werttransporte spezialisierten Firma im Stuttgarter Raum. Er wurde schnell überredet, sich für ein paar Tausender zusammen mit seinem Beifahrer an dem fingierten Überfall zu beteiligen. Wie gerufen, kam an einem Wochenende im Januar 2017 der Auftrag, zu einer Münchner Luxusmesse zu fahren, um dort insgesamt 728 Luxusuhren und Schmuck im Gesamtwert von acht Millionen Euro abzuholen. Als Parkplatz an der A8, zwischen München und Stuttgart, bot sich der Parkplatz am Drackensteiner Hang an. Diesen fuhren die Fahrer am Abend des 17. Januar 2017 an. Die anderen Männer warteten bereits dort, um die Ware umzuladen. Zuvor wurden die beiden Firmenbediensteten laut Plan im gepanzerten Transporter gefesselt, geknebelt und eingesperrt, während die kostbare Beute auf zwei Fahrzeuge umgeladen wurde. Erst nach 45 Minuten befreiten sich die Männer und alarmierten mit dem Handy die Polizei.

Den Hauptanteil der Beute transportierte der jetzt Angeklagte in einem Kleinlaster. Laut Plan sollte sie in einschlägigen Berliner Kreisen zu Geld gemacht werden. Doch die Polizei konnte wenige Tage später nur 163 von 728 Luxusuhren beschlagnahmen, nachdem bis auf den sechsten Mann alle anderen Täter nach einem Tipp aus der Unterwelt festgenommen waren. Im ersten Prozess schwiegen sämtliche Angeklagte über den Verbleib der Millionenbeute und die Identität des sechsten Mannes eisern. Der jetzt Angeklagte war wie vom Erdboden verschwunden. In einschlägigen Kreisen raunte man: Der sitzt jetzt irgendwo am Strand von Rio, während die anderen im Knast schmoren. Nach Monaten hinter Gittern muss es bei einem Täter dann doch innerlich rumort haben – er gab den Namen des Flüchtigen preis. Es vergingen noch einige Wochen, bis der sechste Mann gefasst werden konnte. Er hatte noch die 30000 Euro bei sich, die er für die Beteiligung an dem fingierten Überfall kassiert hatte. Doch die Suche nach der Millionenbeute war weiter vergeblich. Ob er sie versteckt hatte, gab der Mann nicht preis.

Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Freiheitsstrafe für den jetzt Angeklagten gefordert. Doch das Gericht wertete das späte Geständnis als strafmildernd, wie die Verteidigerin empfohlen hatte und beließ es bei vier Jahren und drei Monaten Haft. Die Suche nach der Beute geht weiter.

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