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Lesung

02.05.2012

Die eigene Befreiung erfordert Mut

Gut gelaunt im neuen Leben: Balian Buschbaum bei seiner Lesung.
Bild: anbr

Balian Buschbaum in der Schranne über den schweren Weg zum richtigen Körper

Weißenhorn Sich in seinem Körper wohlfühlen. Dieser Satz, der so einfach erscheint, war für Balian Buschbaum 28 Jahre unerreichbar. Denn der Ulmer, als Frau auf die Welt gekommen, lebte im falschen Körper. Um anderen Menschen Mut zu machen und sie zu unterstützen, schrieb er eine Biografie über seine Erfahrungen und Ängste. Sein Buch handelt von der Reise zu sich selbst. „Das Geschlecht entsteht nicht zwischen den Beinen, sondern im Kopf“, sagt er den Zuhörern in der Weißenhorner Schranne.

Schwieriges Thema ganz locker präsentiert

Leicht mit dem Stuhl wippend und ganz locker, so erleben die Zuhörer Buschbaum. Mit diesem Verhalten gepaart mit größter Offenheit schafft er es, das komplizierte Thema seiner Transsexualität in ein Licht jenseits von Freakshow zu rücken. Die ehemalige Leistungssportlerin und mehrfache deutsche Meisterin im Stabhochsprung, damals noch Yvonne, entschied sich 2007 zu einem Schritt, für den Buschbaum „alles geopfert hätte“. Doch schon im Alter von fünf Jahren wusste er, dass er nicht auf die Mädchentoilette gehört.

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Sehnsucht nach einem „vollkommenen Leben“

Damals ahnte er jedoch nicht, wie weit seine Sehnsucht nach einem „vollkommenen Leben“ ihn treiben würde. Bis er schließlich, nach dem „einfachen Satz“ der Mutter seiner damaligen Freundin – „Warum lässt du dich nicht eigentlich operieren“ – den Entschluss fasste, den Sport aufzugeben und sich dem „wichtigsten Wettkampf in seinem Leben zu stellen, und das ohne Applaus und Medaille“: der Geschlechtsanpassung.

Nach eineinhalb Jahren Hormontherapie folgte der letzte Schritt 2009. „Ist der alte Gauner endlich dran?“, waren seine ersten Worte, nachdem er von seiner neunstündigen Operation aufwachte. In dieser lockeren Art beschreibt Buschbaum auf den 249 Seiten auch seine ersten Erfahrungen mit der „neu gewonnenen Männlichkeit“ und das erste Missgeschick, welches zu einer 21 Stunden und 37 Minuten andauernden Tortur führte. Eine Frage, die den Weißenhornern unter den Nägeln brannte, konnte er auch auf seine eigene Art klären: „Ich pinkel im Stehen und es macht tierischen Spaß.“

Auf die Publikumsfrage, ob er etwas aus seinem früheren Leben vermisse, sagt Buschbaum gelassen: „Ich vermisse nichts, weil ich ich sein kann.“ Was ihn unterscheide, sei die Erfahrung, wie vielschichtig eine Frau ist, wie sie denkt und fühlt. Mit seinem Buch möchte er nicht sein Erlebtes „vergolden“ lassen, sondern Menschen Mut machen. Dabei geht es aber nicht nur um das Thema Transsexualität. „Jeder Mensch hat ein Laster, also einen Rucksack, den er mit sich herumträgt“, sagt er und fügt hinzu, „es ist aber ganz egal, was es ist, man muss mit Mut voranschreiten, um sich zu befreien.“ (ori)

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