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23.03.2020

Flashmob: Mit "Freude schöner Götterfunken" gegen die Einsamkeit

Auf einem Hüttendach in Holzheim spielt die Familie Wegele. Sie war mit dabei beim großen Beethoven-Flashmob.
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Auf einem Hüttendach in Holzheim spielt die Familie Wegele. Sie war mit dabei beim großen Beethoven-Flashmob.
Bild: Wegele

Plus Musiker in ganz Deutschland spielen gemeinsam die „Ode an die Freude“ – mit Sicherheitsabstand, auf Balkonen und Terrassen, vor der Haustür.

Das Wochenende hätte eigentlich ruhig und still verlaufen müssen – so stumm wie lange nicht. Schließlich muss jeder jetzt viel verdauen, die Informationsflut rund um das Virus, Ausgangsbeschränkungen, Lagerkoller oder Einsamkeit. Tatsächlich: Die Plätze und Straßen der Region sind am Sonntag verwaist, die Stimmung ist träge – doch dann hört man plötzlich Töne. Draußen, entlang der Straßen in vielen Gemeinden, erklingt Musik. Kleine Ensembles, Trompeten, Klarinetten, Saxofone, spielen hier und da, in Gärten, auf Balkonen und Terrassen: „Freude schöner Götterfunken“, alle gemeinsam. Es ist ein Konzert gegen Einsamkeit – mit Sicherheitsabstand.

"Freude schöner Götterfunken" erklingt im Flashmob

Man muss es so sagen: Der Aufruf zu dieser Aktion verbreitete sich „viral“. Über Facebook, Instagram und WhatsApp machte die Nachricht die Runde, ein Musiker schickte sie dem nächsten, Medien und Verbände informierten, bundesweit. Der Appell: Sonntag um 18 Uhr soll jeder mitspielen oder singen, vom Amateur bis zum Profi. Die gemeinsame Melodie: Die „Ode an die Freude“ aus Beethovens 9. Sinfonie.

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Marei Richter ist die Dirigentin der Schützenkapelle Reutti. Für sie war sofort klar: „Meine Familie macht mit. Ich werde mit dem Taktstock den Einsatz geben und dann mit meinem Horn mitspielen.“ Und diesen Auftritt auf dem Balkon, zu dritt, hat sie gleich in einem Video dokumentiert. Richter lächelt dabei und streckt ein Schild in die Höhe: „Bleibt gesund!“. Dabei hätten die Musiker Grund zur schlechten Laune: Am Tag vor dem Flashmob hätte die Schützenkapelle eigentlich einen Festakt gefeiert, zum 40-jährigen Bestehen der Kapelle. Im September wäre der Verein Gastgeber eines Bezirksmusikfests. Doch Proben, Konzerte und Feiern scheinen in Zeiten der Kontaktsperre derzeit unmöglich.

Marei Richter von der Schützenkapelle Reutti appelliert: „Bleibt gesund!“.
Bild: Richter

„Viele Musiklehrer bieten jetzt zum Beispiel Unterricht online an“, sagt Richter. Einzelunterricht – ja, das sei machbar. Aber eine Orchesterprobe? Die Ratlosigkeit sei groß. Der Flashmob soll nun das Gemeinschaftsgefühl stärken. „All die verschiedenen Stimmungen und Instrumente, das könnte schon schräg klingen“, befürchtet Richter noch vor der großen Aktion. Aber die richtigen Noten werden fast zur Nebensache. „Es geht hier vor allem um Solidarität.“

Die Kulturszene leidet unter der Coronavirus-Krise

Fragt man Hobby-Musiker gerade nach ihrer Stimmungslage, beschreiben sie regelrechte Entzugserscheinungen. Besonders schwer trifft die Krise aber jene, die von ihrer Musik leben. Das Ausmaß der Verluste ist kaum abzusehen – darauf will der Flashmob aufmerksam machen. Die gesamte Kulturszene leidet, vom Amateur-Trompeter bis zum Starpianist.

Per Smartphone haben sich drei Musikerinnen aus Wullenstetten für den Flashmob verbunden.
Bild: Münzenrieder

Auch in der WhatsApp-Gruppe des Musikvereins Oberelchingen traf der Aufruf ein – schnell arrangierten sie die „Ode an die Freude“ für Bläser. Norbert Beers Familie spielte mit bei der Aktion – „zu zweit, mit nötigem Sicherheitsabstand“, erklärt der Trompeter. Beers Schwester wohnt im Nachbarhaus, gemeinsam konnten sie ein Ständchen spielen, von Balkon zu Balkon. Beers Verein musste inzwischen viele Events absagen, auch ein großes Rock-Pop-Konzert. Er selbst versucht nun aber, die Zeit zu nutzen: „Im normalen Alltag, wenn man im Orchester spielt, wird man schnell faul beim Üben. Den Ansatz trainieren, viel ausprobieren – dafür ist jetzt Zeit.“

Auch der ASM-Bezirksvorsitzende Rainer Lohner sind mit dabei.
Bild: Lohner

Beethovens Ode an die Freude erklingt im Kreis Neu-Ulm

„Es fehlt etwas, definitiv, vor allem die Geselligkeit, die Kameradschaft“, sagt Joachim Graf von der Musikkapelle Biberach. „Und ich befürchte, wir stehen erst am Anfang der Misere. Der große Wert der Musik für unser Leben wird einem jetzt schmerzlich bewusst.“ Das Schöne: In Grafs Nachbarschaft leben gleich drei Musikerfamilien. Und so sendet er unserer Zeitung ein langes Video: Die Kamera schwenkt von Balkon zu Balkon, überall wird gespielt und ein Mann dirigiert. Es soll ja schön gemeinsam klingen, mit Teamwork, trotz Distanz.


Beethovens Ode an die Freude dreht sich im Kern um den Wunsch nach Freiheit. Die Bewegungsfreiheit ist knapp geworden – aber die Freiheit der Musik scheinen sich viele nicht nehmen zu lassen.

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