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Ulm

05.07.2017

Legende auf der Zielgeraden

Diesen Sommer tritt die 81-jährige Songwriter-Legende Kris Kristofferson in ganz Europa auf. Für Herbst ist bereits eine Tournee durch die USA geplant.
Bild: Andreas Brücken

Countrystar Kris Kristofferson ist mittlerweile 81 Jahre alt – und zelebriert mit seinen demütigen Songs die Schönheit des Verfalls. Das Publikum im Ulmer Zelt ist ergriffen.

Mit sicherem Schritt betritt Kris Kristofferson um 20.12 Uhr die Bühne im Ulmer Zelt. Frenetischer Beifall begleitet einen Mann, für den das überstrapazierte Wort Legende ausnahmsweise angebracht ist: Zusammen mit Johnny Cash sowie Willie Nelson hob er einst den US-Country auf eine neue Ebene. Weg von stumpfer Heimattümellei hin zu Singer-Songwriter-Country, der die Probleme des Lebens nicht ausspart. Ganz in schwarz steht der 81-Jährige da, das schlohweiße Haar ist lang wie auf den berühmten Plattencovern, die Augenhöhlen sind tief, seiner Alter kann der schlaksige Sänger nicht verbergen. Nach dem Jubelsturm im schon lange ausverkauften Zelt kann der Senior nicht mehr verlieren.

Die dicht gedrängte Menge klebt an seinen Lippen. „Hello Ulm“, sagt er. Seine Begleitband Rocket to Stardom leistet am Anfang noch Schützenhilfe. Dann steht er alleine auf der Bühne. Die Stimme des einstigen Hollywood-Schauspielers („Convoy“) hat an Kraft verloren. Mal überschlägt er sich leicht, mal ist ein Krächzen unüberhörbar. Seine Fans verzeihen ihm das, denn wer steht schon mit 81 noch mit Mundharmonika und Gitarre im Rampenlicht? Selbst Mick Jagger ist mit seinen 75 Lenzen dagegen ein Jungspund. Die Zeilen, auf die alle gewartet haben kommen schon beim dritten Song: „Freedom’s just another word for nothin’ left to lose“, der Refrain von „Me And Bobby McGee“, eine Kristofferson-Komposition, die Janis Joplin weltberühmt machte.

Andächtige Ruhe herrscht im Zelt wenn der Meister warm wie ein Sommerregen zu seinen Jüngern singt. Wie Psalmen murmeln Hunderte die Klassiker US-amerikanischen Songwritings mit. Kristofferson muss sich anstrengen, das ist ihm anzusehen. Wie erleichtert, wieder einen Song geschafft zu haben, beschließt er diese oft mit einem „That’s it“. Die Jahrzehnte seines Schaffens haben völlig unterschiedliche Songtypen hervorgebracht: Ein treibendes, schnelles Lied wie „Best Of All Possible Worlds“ lässt seine kräftige Stimme aus den 70ern vermissen. Stücke seines Spätwerks hingegen sind seiner von Altersweisheit strotzenden Stimme auf die Bänder geschrieben. Das erinnert an Kompagnon Cash, der mit seinem Spätwerk ähnlich den Verfall zelebrierte. Ergriffenheit macht sich im Publikum breit, als der 81-Jährige bei „Feeling Mortal“ von der Sterblichkeit singt. Unweigerlich schießen beim gebannten Publikum Fragen in den Kopf: Wie sehe ich aus mit 81? Lebe ich da überhaupt noch? Ist es vielleicht das letzte Konzert von Kristofferson?

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„Help Me Make It Through The Night“, heißt ein Song. Die Aufforderung „Helft mir durch den Abend“ richtet der mehrfache Vater lachend am Ende des Stücks an das Publikum. Der Country-Outlaw ist gut drauf: „Ich könnte ewig so weiter machen“, sagt er irgendwann. Seine Hitfülle ist riesig: „To Beat The Devil“, „Jesus Was A Capricorn“ oder das fantastische „Sunday Morning Coming Down“. Das flehentliche „Lord Help Me Jesus“ gehört auch zu den Momenten eines Konzerts, in dem die Anwesenheit einer wahrhaftigen Legende präsent wird.

„Das war vielleicht unser letzter gemeinsamer Abend“, sagt ein sichtbar erschöpftes Denkmal, als es um 21.42 Uhr die Bühne verlässt. Da hatte er noch nicht alle 28 Lieder, die auf der Setlist stehen, gespielt. Ein ergriffenes Publikum nimmt mit viel, viel Beifall Abschied und nimmt neben Zufriedenheit ein klein wenig Nachdenklichkeit über die eigene Vergänglichkeit mit in die Dunkelheit der Nacht.

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