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Roggenburg

02.09.2018

"Nachtaktiv"-Abend im Kloster: Mitreißend und mutig

Überzeugte in Roggenburg: Solistin Margaret Hunter.
Bild: Dagmar Hub

Beim „Nachtaktiv-Abend“ im Rahmen des Diademus-Festivals im Kloster Roggenburg erleben die Besucher eine eindringliche Lesung – und bekannte Melodien.

Der neue Intendant des Theaters Ulm, Kay Metzger, und Benno Schachtner, Leiter des Roggenburger Diademus-Festivals, kennen einander seit langer Zeit. So ist es nicht verwunderlich, dass Metzgers erster öffentlicher Auftritt in der Region seiner neuen Heimat just in Roggenburg stattfand: im Rahmen des Diademus-Festivals, beim ersten der beiden Konzerte des „Nachtaktiv“-Abends. Kay Metzger las in der Roggenburger Klosterkirche – mit sparsamer Gestik und faszinierendem Duktus – Fjodor Dostojewskis Erzählung „Der Großinquisitor“, begleitet von Klangmischungen Sebastian Bartmanns. Der in Stuttgart lebende Pianist und Komponist unterlegte und pointierte Metzgers Lesung mit Klängen von Orgel, Cembalo und Synthesizer, die bedrohliche, scharfkantige Momente schufen.

Girolamo Frescobaldis dritte Toccata, meisterhaft interpretiert von Sebastian Bartmann als Grundlage einer Zeitreise, wurde etwa zur gleichen Zeit komponiert, in der Dostojewskis „Großinquisitor“-Parabel spielt. Mutig war es von Benno Schachtner allemal, die politisch-philosophisch zumeist als Symbol einer kommenden antichristlichen und totalitären Epoche gedeutete Erzählung in der Klosterkirche lesen zu lassen. Schachtner kündigte die Konzertlesung in seiner Vorrede als Appell zum Nachdenken über den Umgang mit der Freiheit der Musik und des Glaubens an.

Dostojewskis kirchenkritische Erzählung legt die Freiheit als göttliches Prinzip im Menschen an – ein Geschenk, mit dem die Menschen laut dem Vorwurf des Großinquisitors an Christus nichts anzufangen wissen. Christus, in der Erzählung wortlos auf die Erde zurückgekehrt, wird von den Menschen erkannt, die aber – unterwürfig der kirchlichen Obrigkeit gegenüber – in Sevilla seine Verhaftung geschehen lassen. Christus wird am Ende zwar nicht wie vom Großinquisitor angedroht unter der Zustimmung der Massen auf dem Scheiterhaufen hingerichtet, seine Freilassung aber ist mit der Aufforderung verbunden, niemals wiederzukommen.

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Thema beim Diademus-Festival: Plagiate, Zitate und Parodien

Noch mehr Zuhörer fanden sich beim anschließenden zweiten „Nachtaktiv“-Konzert im Refektorium des Klosters. Hier ging es ähnlich wie beim diesjährigen Eröffnungskonzert um Plagiate, Zitate und Parodien – und um die schwierige Abgrenzung der Begriffe. Dies allerdings auf höchstem Niveau: Schachtner hatte fürs Konzert Katharina Bäumls Ensemble „Capella de la Torre“, eines der weltweit besten Ensembles für alte Bläsermusik, gewinnen können. Zudem die amerikanische Sopranistin Margaret Hunter, eine Expertin der Alten Musik, deren Stimme auch mit sieben Instrumenten mithalten kann.

Der tiefe Pommer, die hohe Schalmei, dazu Dulzian und Theorbe schufen eine Atmosphäre des späten Mittelalters und der Renaissance, als es völlig normal war, auf die identische – beliebte – Gassenhauer-Melodie deftige Liebes- und Trinklieder, geistliche oder sozialkritische Texte zu singen.

Eine der am häufigsten verwendeten Melodien ist das französische Soldatenlied „L´homme armé“, das Capella de la Torre in seiner originalen Version und als Grundlage eines Agnus Dei vorstellten. Ähnlich erging es Heinrich Isaacs etwa um 1500 komponiertem Chorsatz „Innsbruck, ich muss dich lassen“, einem Abschiedslied eines Sängers, der in die Fremde gehen muss und seine Geliebte in Innsbruck zurücklässt. Schon im 16. Jahrhundert entstand auf die Melodie das Sterbelied „O Welt, ich muss dich lassen“. Dass sie auch die Beatles zitierten, brachte Zuhörer bei der Aufführung von Giacomo Gastoldis „L´Inamorato“ zum Schmunzeln. Da klang doch „Norwegian Wood“ durch! Doch auch der Erfurter Komponist und Organist Johann Walther nutzte die Melodie für sein geistliches „In Dir ist Freude“.

Erst nach zwei Zugabe entließen die begeisterten Zuhörer Capella de la Torre und Hunter.

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