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Ursachenforschung

14.02.2015

Neue Steuerregelung führt zu Austrittswelle bei den Kirchen

Die Reihen lichten sich in den Gotteshäusern: Im vergangenen Jahr haben 226 Sendener im Einwohnermeldeamt der Stadt ihren Austritt aus der evangelischen oder katholischen Kirche erklärt. Das sind so viele, wie seit Jahren nicht mehr.
Bild: Andreas Brücken

Sendener Geistliche suchen gemeinsam nach Lösungen

Den beiden großen Kirchengemeinden in Senden laufen die Gläubigen davon: Im vergangenen Jahr waren sowohl die katholische als auch die evangelische Kirchengemeinde mit einer noch nie dagewesenen Austrittswelle konfrontiert. Ursache dafür, dass so viele Menschen den beiden Glaubensgemeinschaften den Rücken gekehrt haben, ist das Geld – darin sind sich der katholische Stadtpfarrer Stephan Spiegel und seine evangelische Kollegin Kathrin Bohe einig.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hat für viele offenbar ein Brief, in dem Katholiken und Protestanten im vergangenen Jahr mitgeteilt wurde, dass Kirchensteuer auch auf Kapitalerträge zu zahlen ist. Per Post informierten die Banken im vergangenen Jahr ihre Kunden grundsätzlich über den anstehenden automatischen Abzug der Kirchensteuer aus Kapitalerträgen.

Vielen Sparern war bis dahin offenbar überhaupt nicht bewusst, dass sie auch auf Kapitalerträge Kirchensteuer zahlen oder zumindest zahlen müssten. Das ist an sich nichts Neues, da diese Abgaben schon bislang fällig waren. Neu ist nur, dass seit dem Jahr 2015 die Banken und Sparkassen diese Steuer vor der Auszahlung der Erträge dem Kunden abziehen.

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In den zurückliegenden Jahren war vermutet worden, dass der Missbrauchskandal und die Vorgänge um den Limburger „Protz-Bischof“ Tebartz-van Elst ausschlaggebend für die Kirchenaustritte waren.

Im Einwohnermeldeamt der Stadt Senden haben im vergangenen Jahr 226 Einwohner ihren Austritt aus der Kirche erklärt. Im Jahr zuvor, traten 150 Menschen aus, 2012 waren es lediglich 118. Von den 22411 Einwohner gehörten im vergangenen Jahr 4430 der evangelischen Kirche an, 8980 der katholischen Kirche. 9001 in Senden lebende Menschen sind entweder konfessionslos oder gehören anderen Religionsgemeinschaften an, die keine Kirchensteuer entrichten müssen – zum Beispiel die Muslime.

Der katholische Stadtpfarrer Stephan Spiegel macht die steuerliche Regelung und die „gesellschaftliche Großwetterlage“ für die Austrittswelle verantwortlich, anders sei die Vielzahl nicht zu erklären. Er glaubt allerdings auch, dass sich viele von denen, die nun ihren Austritt erklärt haben, sich „seit Längerem emotional von der Kirche verabschiedet und den Schritt nun vollzogen haben.“ Mit ausschlaggebend für diese Entscheidungen dürften auch die Finanzen sein, vermutet der Pfarrer. Viele hätten einfach ein geringes Einkommen, mit dem sie über die Runden kommen müssen.

Der „Stein der Weisen“ ist noch nicht gefunden

Ein Rezept, wie die Kirchen dem Trend zum Austritt entgegenwirken können, hat der Geistliche nicht: „Wir wären glücklich, wenn wir den Stein der Weisen gefunden hätten“. Die Verantwortlichen in der Kirche seien jedoch aufgerufen, sich mit der Lage auseinanderzusetzen. Im konkreten Fall von Senden bedeutet dies für Pfarrer Spiegel, dass „wir auch mit dem Pfarrgemeinderat in eine Reflektionsphase treten und nach Lösungen suchen müssen.“ Wichtig sei es, den „Leuten in der Pfarrei Heimat zu geben“, sagt Spiegel und ist sich in dieser Einschätzung einig mit seiner evangelischen Kollegin Kathrin Bohe, die ebenfalls in der Kirchensteuer die Ursache für die Austrittswelle sieht. Zwar müssen Katholiken und Protestanten seit Jahren schon auch Kirchensteuer zahlen für Kapitalerträge, neu ist lediglich das seit diesem Jahr gültige Einzugsverfahren. Dies sei aber so von der Kirchenleitung nicht kommuniziert worden. Bohe: „Das war ein Fehler.“ In den Köpfen vieler Menschen herrsche offenbar die Überzeugung vor: „Die Kirche sagt mir nichts, sie ist das Geld nicht wert“, beklagt die Geistliche. Dies zu ändern, sei Aufgabe der Geistlichen: „Mein Anliegen ist es, die Relevanz von Glauben aufzuzeigen“, erklärt die Pfarrerin, „wir müssen zeigen und sagen, dass sich ein Leben mit Gott lohnt.“ Es gebe viele Menschen, die dies erkennen und zur Kirche zurückkehren.

Allerdings liege ihr Anteil im Vergleich zu den Austritten gerade mal bei zehn Prozent. Kathrin Bohe pflichtet ihrem katholischen Kollegen bei, dass die Kirche den Menschen Heimat geben müsse, denn: „Wer sich beheimatet fühlt, tritt nicht aus.“

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