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Ulm/Ehingen

16.11.2019

Prozess: Junge Frau durchlebt Horrortat zum dritten Mal

Das Ulmer Landgericht befasst sich in einer Berufsverhandlung mit einer blutigen Messerattacke in Ehingen, die auch tödlich hätte enden können.
Foto: Alexander Kaya

Eine Berufungsverhandlung am Landgericht Ulm befasst sich mit einer Messerattacke in Ehingen. War es versuchter Totschlag oder versuchter Mord?

Aller guter Dinger sind drei? Dies hofft das Opfer in einem Fall, der am Freitag vor dem Ulmer Landgericht begonnen hat. Zum dritten Mal. Das erste Urteil hatte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe aufgehoben, im zweiten Anlauf patzte der Anwalt des Angeklagten. Es geht um Liebe, Eifersucht und Gewalt, die durch Glück nicht tödlich endete – wir berichteten vom Prozess vor knapp zwei Jahren.

Die Frau macht einen toughen Eindruck, redet selbstbewusst und gefasst über die Nacht vor mehr als zwei Jahren, die ihr Leben auf den Kopf stellte. Wie die Sache dieses Mal endet, ob wieder mit einer Verurteilung ihres Ex-Freundes wegen versuchten Mordes oder „nur“ wegen versuchten Totschlags, das sei ihr egal. Sie wolle nur, so die zur Tat 21-Jährige, „dass es endet“.

Prozess in Ulm: Mann griff Ex-Freundin mit Messer an

Körperlich und seelisch scheint die junge Frau die Attacke, die ihr Ex in einer Maiennacht 2017 auf sie mit einem Messer verübt hat, nachdem er durch ein Fenster in ein Zimmer eingestiegen war, in dem sie mit ihrem neuen Freund schlief, verhältnismäßig gut verarbeitet zu haben. Geblieben ist eine lange Narbe im Halsbereich, die sie dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Tresenreiter am Freitag auch zeigt.

Und der Angeklagte? Der sagt zunächst nichts an diesem ersten Verhandlungstag, auch er wirkt ruhig, macht sich immer wieder Notizen. Hereingeführt wird er mit Hand- und Fußfesseln.

Auch er muss zum dritten Mal antanzen. Denn der Bundesgerichtshof (BGH) hatte den bereits am Landgericht verhandelten Fall an dieses zurückverwiesen. Die Begründung zusammengefasst: Das Gericht habe sich nicht ausreichend mit den niederen Beweggründen befasst. War es tatsächlich versuchter Mord, weswegen der zur Tatzeit 25-Jährige zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war? Oder versuchter Totschlag, für den höchstens 15 Jahre (lebenslang hingegen bei Mord) drohen?

Blutige Attacke in Ehingen

Nicht das „Wie“ der Attacke stehe nun im Mittelpunkt, so Richter Tresenreiter am Freitag, sondern das „Warum“. Auch er spricht von „merkwürdigen Gängen“, die der Fall schon genommen habe. Und meint wohl den Grund, warum der für Anfang dieses Jahres geplante Neustart schon nach Verhandlungstag eins platzte. Damals patzte der Anwalt des Angeklagten.

Der Verdacht: Er soll versucht haben, seinen Mandanten, dem er als Pflichtverteidiger beizustehen hatte, ans Messer zu liefern – um für einen anderen Klienten Strafmilderung herauszuschlagen. Dieser soll angeboten haben, den 25-Jährigen belasten zu können. Der Anwalt wurde ausgetauscht. Nun Versuch drei.

Was den Prozess beschleunigen könnte: Tat und Ablauf sind unstrittig. Der Angeklagte drang über ein Gerüst ins Schlafzimmer des neuen Freunds des Opfers ein, er hatte das Fenster des Raums im Obergeschoss aufgedrückt – und sprang unvermittelt aufs Bett.

Das Pärchen hatte kaum Zeit, zu erschrecken. Der neue Freund der Frau kassierte einen Schlag. Er konnte den Angreifer jedoch aus dem Zimmer lotsen, wurde von ihm trotzdem mit einem Messer im Gesicht verletzt. Das Messer stammt aus dem Bestand einer Metzgerei, die im Erdgeschoss liegt.

Gericht muss klären: War es versuchter Mord?

Zurück bei seiner Ex öffnete der 25-Jährige die Tür der Toilette, in der sich diese eingeschlossen hatte. Sie drückte sich an ihm vorbei, ging zum Kleiderschrank, um sich anzuziehen. Als sie ihm den Rücken zudrehte, soll der alkoholisierte Angeklagte zugestochen haben. Ein Nerv und Venen wurden durchtrennt. Nur, weil zufälligerweise ein Chirurg Dienst hatte im Ehinger Krankenhaus, lebt die Frau noch. Den Transport nach Ulm hätte sie wohl nicht überlebt. Sie hatte keinen Puls mehr, war bewusstlos.

Die Fragen, die das Gericht nun klären muss: Wollte der Angeklagte die Frau und ihren neuen Partner tatsächlich töten? Hat er es nicht verkraftet, dass sich seine Ex einem neuen Mann zuwandte? Was ist dran an Drohungen, die der Angeklagte noch vor der Tat ausgesprochen haben soll; beispielsweise, dass er sie mit Säure übergießen werde, sollte sie ihn verlassen?

Im ersten Prozess hatte sich der Angeklagte erleichtert gezeigt, dass seine Ex-Freundin noch lebt. An die Attacke selbst könne er sich nicht mehr erinnern. Noch gut erinnert sich dagegen die Frau an die Horrortat. Sie habe Angst, alleine vor die Türe zu gehen, sagt sie. Auch schlafe sie nicht mehr bei offenem Fenster. Sie befand sich in psychologischer Behandlung. Womöglich werde sie mit ihrem rechten Arm nie mehr Dinge heben können, die schwerer als drei Kilo sind.

Geplant sind Fortsetzungstermine am 6., 13. und 20. Dezember.

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