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Ulm

08.02.2018

Sie kämpfen gegen das Bürokratiemonster

800 Seiten Papierkram in der Hand: Joachim Krimmer und Tobias Mehlich (von links) von der HWK.
Bild: Helmstädter

In den Mitgliedsbetrieben der Ulmer Handwerkskammer laufen die Geschäfte wie noch nie. Trotzdem gibt es Frust über Papierkram und abwandernde Mitarbeiter.

Ein Bäcker, irgendwo auf der Schwäbischen Alb, hatte eine gute Idee: Warum nicht einmal im Advent Schokoladennikoläuse anbieten? Es war ein kleiner Bäcker mit wenigen Verkaufsstellen. Weihnachtliches wollte er auf der Ladentheke stehen haben, weil er es gerne macht und nicht, um den Umsatz merklich zu steigern. Das Geld verdient er mit Brot und Semmeln. Schokonikoläuse gibt es dieses Jahr aber nicht mehr bei diesem Bäcker. Denn für eine unangemeldete Kontrolle des Eichamts habe er 100 Euro zahlen müssen, weil die sich berufen sah, die Füllmenge zu prüfen. Obwohl es nichts zu beanstanden gegeben habe, musste er mehr zahlen, als er mit den Nikoläusen umsetzte.

So erzählt es zumindest Joachim Krimmer, Präsident der Ulmer Handwerkskammer bei der Jahrespressekonferenz. Seine Absicht: Ein „Bürokratiemonster“ darstellen, das immer weiter um sich greife. Ein Übermaß an Bürokratie führe nicht nur zu Frustration bei weihnachtlich gestimmten Bäckermeistern sondern längst auch zu Verzögerungen bei öffentlichen Bauten. Denn immer öfter würden sich Handwerker gar nicht auf öffentliche Ausschreibungen bewerben, weil die Bürokratie zu viel werde.

Grimmer, Inhaber eines Heizungs- und Sanitärbetriebs, übergab jüngst Bundestagsabgeordneten aller Parteien einen 1,5 Kilo schweren Stapel Akten. Volle 800 Seiten habe der Papierkram eingenommen, den der Zuschlag für einen 10000-Euro-Auftrag an einer Schule verursacht habe. 100 Arbeitsstunden für die Verlegung von Rohren stünden 58 Stunden im Büro gegenüber. Selbst bei Arbeiten im Innenraum müssen seine Mitarbeiter die Wetterwerte vor der Tür dokumentieren. Einfach weil’s Vorschrift ist. Einen Sinn könne Grimmer oftmals nicht erkennen. Ein Privatauftrag würde maximal drei Seiten Papier verursachen. Die Folge: Öffentliche Bauten würden immer länger brauchen, bis sie fertig seien – weil Betriebe Privataufträge vorziehen. Neben einem nach wie vor akuten Fachkräftemangel ist die Bürokratie eine der wenigen Sorgen der 19000 Mitgliedsbetriebe der Ulmer Handwerkskammer. In keiner Branche habe sich die Konjunktur laut Umfrage verschlechtert. Über 75 Prozent der Betriebe bewerten ihre Geschäftslage als gut. Das ist ein bisher nie erreichter Höchststand, wie Tobias Mehlich, der Hauptgeschäftsführer der Kammer sagte. 83 Prozent rechneten auf diesem bereits hohen Niveau mit guter oder gleichbleibender Auftragslage. Die Folge: Das knappe Gut Dienstleistung von Handwerkern werde immer teurer. Von „marktorientierter Preisanpassung“ spricht Mehlich. „Die Preise werden langsam realistisch“, sagt Krimmer vor dem Hintergrund eines „ruinösen Verdrängungswettbewerbs“ in der Vergangenheit, den zahlreiche Betriebe nicht überstanden hätten.

Als „dramatisch“ stuft Mehlich eine andere Ziffer ein: Die Handwerksbetriebe würden im Laufe der Zeit fast zwei Drittel der ausgebildeten Fachkräfte verlieren. Oft an die Industrie, frei nach dem Motto: „Die meisten Bäcker stehen bei Daimler am Band.“ Das Binden von Mitarbeitern an die Handwerksbetriebe sei ein zentrales Thema für die Kammer. Im März beginnt in Ulm ein neu angestellter Mitarbeiter in der Handwerkskammer ausschließlich damit, Mitgliedsbetriebe in Sachen Personalentwicklung zu beraten. Laut einer Studie verließen nämlich die meisten Fachkräfte das Handwerk aufgrund von Ärger mit Vorgesetzten. Die Bezahlung spiele nicht die erste Geige. Die Kammer wolle künftig Betriebe beraten, wie die Arbeitsbedingungen verbessert werden können. Moderne Methoden der Personalführung und Motivationsanreize kämen bisher ganz offensichtlich zu kurz.

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