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Ulm

02.04.2019

Tierversuche: Ein Herz für Mäuse – oder für Menschen?

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„Wir forschen für Patienten und retten Leben.“ Auch die Ärzteschaft brachte ihre Meinung zu Tierversuchen unters Volk.

Aus Sicht des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“ werden die schlimmsten Experimente an der Uni Ulm gemacht. Und die seien auch noch sinnlos. Die Wissenschaftler sehen sich hingegen als Lebensretter.

Am Ende der Demonstration steht Professor Peter Radermacher vor zwei Preisen: Einem „Herz aus Stein“ – dem Negativpreis von der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ – und dem „Patientenherz“, den Unipräsident Michael Weber aus Trotz kreierte um damit zu verdeutlichen, dass Tierversuche Leben retten. Das „Patientenherz“ nimmt der Leiter des Instituts für Anästhesiologische Pathophysiologie und Verfahrensentwicklung an, das „Herz aus Stein“ nicht.

Einen Kommentar dazu lesen Sie hier Ein Herz für Debattenkultur bei Tierversuchen

Unterschiedlicher können die Ansichten der jeweiligen Initiatoren kaum sein: Aus Sicht von Dr. Rosemarie Lautenbacher, Fachärztin für Anästhesie und Notfallmedizin sowie Mitglied des Vorstands der „Ärzte gegen Tierversuche“, hat die Uni Ulm mit einem absurden Versuch den Vogel der Tierquälerei abgeschossen: Dabei simulieren Ulmer Forschende die Raucher-Erkrankung COPD, indem Mäuse Tabakrauch ausgesetzt werden. Unter Narkose und Schmerzmittelgabe werden den Tieren anschließend Verletzungen zugefügt, wie sie bei einem Verkehrsunfall entstehen können. Die Lunge wurde wie bei einem Unfall gequetscht und dann quasi auf einer Mäuse-Intensivstation behandelt. Alles völlig sinnlos“, so Lautenbacher, weil sich die Ergebnisse von Mäusen nicht auf Menschen übertragen ließen. Mit dem „Herz aus Stein“ wolle die Organisation exemplarisch „absurde und grausame Tierversuche der Öffentlichkeit nahebringen und eine herzlose Forschung anprangern“, bei der Tiere zu bloßen Messinstrumenten degradiert würden.

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Tierversuche, die Leben retten sollen

Ganz anders die Sicht der Forscher der Uni Ulm, die Unterstützung von zahlreichen Instituten des Eselsbergs erfahren. „Es ist für uns hier das Schlimmste, wenn Menschen auf der Unfallstation sterben. Vor allem wenn wir nicht wissen warum“, sagte Professor Florian Gebhard, der Ärztliche Direktor der Unfallchirurgie. Und die Erfahrung habe gezeigt, dass es bei Unfallopfern, die vor ihrem Trauma rauchten, eine geschädigte Lunge haben und unerklärlichen Todesfällen einen Zusammenhang gibt. „Deswegen forschen wir.“

Einige der Tierversuche an der Ulmer Uniklinik seien die Basis von klinischen Studien an Patienten gewesen, die zeitnah zu neuen Therapien führen werden. Andere Tierexperimente hätten bewirkt, dass Substanzen eben nicht in klinischen Studien am Menschen erprobt worden sind. Denn bereits im Tierversuch hätten die Forscher Nebenwirkungen nachweisen können, durch die Patienten zu Schaden gekommen wären. Alles Argumente, die Lautenbacher nicht zählen lassen will, weil es keine Übertragbarkeit der Ergebnisse von Tierversuchen auf Menschen gebe. „Nicht richtig“, sagt Radermacher und führt einige angeblich durch Tierversuche entstandene Revolutionen wie die „Lungenprotektive Beatmung“ auf. „Die grundsätzliche Ablehnung von Tierversuchen ist kontraproduktiv.“ Die ethische Abwägung zwischen dem Versuch und den Erkenntnissen, die zu einer verbesserten Behandlung und Lebensqualität von lungengeschädigten Patienten führen können, ist auch aus Sicht der genehmigenden Behörde und der Ulmer Forscher ausgewogen.

„Natürlich ist eine Maus kein Mensch“, sagt Professor Anita Ignatius, die Vize-Sprecherin des Trauma-Sonderforschungsbereichs an der Uni Ulm. Aber viele Prozesse liefen gleich ab. Das könne man auch daran erkennen, dass viele Medikamente bei Mäusen und Menschen gleich auf den Organismus wirken würden.

Die mit dem „Herz aus Stein“ als schlimmstem Tierversuch ausgezeichnete Versuchsreihe ist nun zu Ende. Doch Mäuse werden weiter über einen Zeitraum von drei Wochen an fünf Tagen die Woche „beraucht“ um dann an den lungengeschädigten Tieren Versuche zu machen: Diesmal werde in einem Folgeprojekt untersucht, so Radermacher, wie sich ein spezielles Medikament auf die Maus auswirkt.

Die Ulmer Uniklinik beherbergt nach Aussage von Jan Tuckermann, vom Institut für Molekulare Endokrinologie der Tiere, etwa 22000 Versuchstiere, davon etwa 95 Prozent Mäuse. Aber es gehörten auch Zebrafische, etwa 1000 Ratten sowie einige Hunde und Schweine dazu. Nach Angaben der Uniklinik wurden im vergangenen Jahr 36076 Tiere für Versuche verwendet.

Doch die Forscher setzten wo immer möglich, auf tierversuchsfreie Alternativen, die ebenfalls in Ulm beforscht werden. Doch ein „atmendes“ Modell einer menschlichen Lunge“ („Lung on a chip“) habe seine Grenzen.

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