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Ulm

28.06.2018

Todesflug im Sportwagen

Ein Feuerwehrmann betrachtet nach dem tödlichen Unfall das Wrack des Mercedes, den der 28-Jährige gesteuert hatte.
Bild: Thomas Heckmann (Archivfoto)

Ein 28-Jähriger rast mit 200 Stundenkilometern in den Wald, zwei Mitfahrer sterben. Jetzt muss der Mann in Haft.

Zwei junge Menschen verloren bei einem Ausflug in einem hoch getunten 500-PS-Mercedes AMG am 8. Oktober 2017 auf der Verbindungsstraße zwischen Amstetten im Alb-Donau-Kreis und dem Ortsteil Schalkstetten ihr Leben, ein dritter wurde lebensgefährlich verletzt. Am Donnerstag stand der 28-jährige Ulmer vor dem Schöffengericht. Er war Fahrer und Organisator des Sonntagsausflugs mit fürchterlichem Ausgang. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Körperverletzung angeklagt. Das Gericht verurteilte den Mann nach einer eintägigen Verhandlung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Die Leidenschaft zu schnellen Autos wurde dem selbstständigen Handwerker immer wieder zum Verhängnis. Sein Punktekonto in Flensburg war stattlich, weil er zu schnell mit seinen Fahrzeugen fuhr. Auch bei einer Fahrt von Schwäbisch Gmünd nach Ulm ignorierte der Angeklagte die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80 Stundenkilometer. Er bretterte mit rund 200 km/h durch ein Waldstück, das bei Wanderern und Radfahrern beliebt ist. Die Straße ist dort durch Kuppen geprägt. Der 28-Jährige hätte wissen müssen, dass bei hoher Geschwindigkeit Gefahr drohte. Denn auch am Tag vor dem Unfall war er dort unterwegs.

Doch nach Auffassung der Staatsanwaltschaft wollte der Fahrer des 100000 Euro-Boliden sich und seinen Mitfahrern, die er bis auf seine Freundin kaum kannte, mit der Kuppenfahrt den Nervenkitzel des „gefühlten Abhebens“ zu verschaffen. Es blieb nicht beim Gefühl. Schon auf der ersten Kuppe hob der schwere Wagen beim Herunterdüsen ab wie auf einer Schanze und raste mit irrer Geschwindigkeit in dreieinhalb Metern Höhe in den Wald. Der Mercedes knickte drei Bäume um und krachte auf einen Baumstumpf, wo die 24-jährige Freundin des Fahrers auf der Stelle getötet wurde. Auch für den 15-jährigen Beifahrer kam jede Hilfe zu spät. Der Jugendliche starb an der Unfallstelle, wo jetzt zwei Kreuze an den tragischen Tod der beiden jungen Menschen erinnern.

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Lediglich der 16-Jährige, der im Fond des Wagens saß und die rasante Fahrt bis zum Abheben des Fahrzeugs filmte, überlebte mit schwersten Verletzungen. Er erlitt einen Schädelbasisbruch und ein Hirntrauma, das bis heute noch schlimme Folgen hat und in einer Reha intensiv behandelt werden muss.

Alle drei Beifahrer stammen aus Biberach, der Fahrer aus Ulm. Kennengelernt hatten sie sich in einem Internet-Chat für Fans von superschnellen Autos. Der Angeklagte hatte die Ausfahrt für insgesamt drei Fahrzeuge organisiert. Man traf sich in Schwäbisch Gmünd auf einer Oldtimer-Veranstaltung bei Kaffee und Kuchen, dann war ein Besuch in Ulm, der Heimatstadt des Angeklagten geplant. Auf die Frage eines Schöffen, wie er das teure Auto finanziert habe, antwortete der Angeklagte: „Der läuft bei mir als Firmenwagen.“

Vor dem Prozess hatte der Angeklagte einer Boulevardzeitung in einem Interview seine Gefühle geschildert. Das ist auch auf einem Video im Internet zu sehen. Die Verhandlung am Donnerstag fand im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts statt. Viele Zuschauer kamen und die Eltern der Opfer traten als Nebenkläger mit ihren Anwälten auf. Als im Saal ein Video gezeigt wurde, auf dem die Fahrt des Wagens zu sehen ist, rangen sie um Fassung. Der Film war von einem dahinter fahrenden Auto aus aufgenommen worden.

Als Zeugen traten im Prozess unter anderem der Fahrer und die Mitfahrer dieses zweiten Wagens auf und berichteten, dass der Angeklagte sehr schnell gefahren sei. Der Fahrer dieses Autos ist Vater eines Sohnes, der neben ihm besagten zweiten Auto saß. Der Sohn wollte in den Mercedes des 28-jährigen Angeklagten umsteigen. Doch sein Vater verweigerte ihm diesen Wunsch mit den Worten: „Das ist zu gefährlich.“ Der Fahrstil des Angeklagten schien ihm zu rasant.

Nach der Beweisaufnahme sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer, die Tat des Angeklagten sei „nicht nachvollziehbar.“ Der Mann habe die Gefahr um Leib und Leben der Mitfahrer bewusst Kauf genommen. Sie forderte drei Jahre Freiheitsentzug für den autosüchtigen Ulmer wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen, fahrlässiger Körperverletzung und Verkehrsgefährdung.

Dem schlossen sich die Nebenklägervertreter und schließlich auch das Gericht an, das zudem eine fünfjährige Führerscheinsperre für den Raser verordnete.

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