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Gerlenhofen

15.10.2019

Was Naturschützern ein Dorn im Auge ist

Unbekannte haben Uferbereiche am Gurrensee als „Privatgelände“ deklariert.
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Unbekannte haben Uferbereiche am Gurrensee als „Privatgelände“ deklariert.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Gerlenhofer Arbeitskreis Umweltschutz radelt die Flurbegehung kurz vor seiner Gründung nach. Vieles hat sich mittlerweile verbessert - aber nicht alles.

In diesen Wochen liegt es vierzig Jahre zurück, dass sich der Gerlenhofer Arbeitskreis Umweltschutz (Gau) gebildet hat. Vorausgegangen war der spontanen Gründung eine „Flurbegehung“, auf der Gerlenhofens damaliger SPD-Stadtrat Erwin Franz 52 Naturfreunde einen Nachmittag lang an kritische Orte geführt hatte. Dieser Tage hat Franz den Rundgang als Radtour mit einem guten Dutzend Freunde wiederholt. Einhelliges Urteil: Es ist vieles besser geworden in vierzig Jahren, aber es ist noch lange nicht alles gut.

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Insgesamt dreizehn Landschaftsteile hatten sich die künftigen Umweltschützer auf ihrem Nachmittagsausflug im November 1979 angesehen, insbesondere bestehende und geplante Kiesabbaugebiete. Im Weiler Hausen bei Gerlenhofen war eine Grube völlig unsachgemäß mit Bauschutt, Holzbalken und Humus aufgefüllt worden. Oberbürgermeister Peter Biebl urteilte seinerzeit im Stadtrat: „Das war eine unsinnige Maßnahme.“ Auf Betreiben des Stadtrats Franz wurde die Grube wieder freigelegt, danach ordnungsgemäß aufgefüllt. Heute liegt auf ihr ein Sportplatz. Am Abzweigs der Alten Römerstraße von der B19 südlich Ludwigsfeld unterhielt das Alpine Hartschotterwerk Georg Kässbohrer jahrzehntelang eine Transportbetonanlage, die dem angrenzenden Naherholungsgebiet viel von seinem Reiz nahm. Das Werk ist mittlerweile verschwunden. Der Gau hat dort nach dem Urteil der Radlergruppe „einen vorbildlichen Biotopbereich geschaffen und einen Aussichtsturm mit tollem Blick in die Natur und auf die dort siedelnden Eisvögel“.

Seit 40 Jahren gibt es den Gerlenhofer Arbeitskreis Umweltschutz

Nordöstlich Gerlenhofens wollte dasselbe Unternehmen Kässbohrer auf der Flur „Kiesgrubenmahder“ zwei vorhandene Baggerseen zusammenfassen. Entstanden wäre in zwei Abbauabschnitten ein gut achtzig Hektar großer See. „Das war der größte Problemfall, den wir beim Rundgang 1979 besucht haben“, sagt Franz heute. „Das Vorhaben konnte nur mit großen Anstrengungen verhindert werden.“ Einen der beiden schon vorhandenen Baggerseen kaufte später der Gau und machte daraus das heute von mehr als 200 Vogelarten aufgesuchte Schutzgebiet Plessenteich.

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„Viel Licht also, doch auch noch einiger Schatten“, stellten die Radler nun um Franz am Ende ihrer Tour fest. Östlich des Gurrensees lagerte einst ein Altpapierverwerter sein Material unter freiem Himmel, so dass es sich bei Wind weit über Land verstreute. Er ist einem Pferdehof gewichen. Doch auch der macht den Naturfreunden nur bedingt Freude: Von Weitem sichtbar stapeln sich am Hof mächtige in Folie verpackte Tierfutterreserven. Kein schöner Anblick, waren sich die Radler einig.

Ein riesiger Betonklotz als Überbleibsel eines früheren Kieswerks westlich der B19 wurde vor vierzig Jahren als Ludwigsfelder Schandfleck bezeichnet. Er steht noch immer, doch hat ihn die Natur gnädig hinter nachgewachsenen Bäumen und Sträuchern verschwinden lassen. Ärgerliches auch am Gurrensee selbst: Unbekannte haben weite Uferbereiche mit großen Schildern zu „Privatgelände“ erklärt, das nicht betreten werden dürfe. Allerlei Mobiliar wie Gartenstühle, im Boden verankerte Tische und Bänke steht herum, dazu Feuerstellen und viel Brennholz. „Völlig unzulässig“, stellten die Radler fest. Ein Fall fürs Landratsamt, hieß es.

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Dass Natur und Landschaft vor vier Jahrzehnten einen anderen Stellenwert besaßen als heute, erwies die der Flurbegehung folgende Sitzung des Neu-Ulmer Stadtrats. „Ich musste mir von allen Seiten heftige Kritik gefallen lassen“, trug Gau-Ehrenmitglied Franz seinen Mit-Radlern vor, unter ihnen Gau-Vorsitzender Manfred Schmid, Ehrenvorsitzender Peter A. Freitag und Geschäftsführer Wolfgang Gaus. Denn Franz hatte nicht nur eine Führung veranstaltet. Er hatte sich zugleich an die Spitze einer Bürgerinitiative mit dem Namen „Schützt das Illertal vor Ausbeutung“ gesetzt. Eine solche „Totalforderung sei ja nun wirklich nicht unbedingt notwendig gewesen“, urteilte SPD-Fraktionsvorsitzender Wilhelm Bitterolf. Die CSU griff Franz frontal an und behauptete gar, er wiegele mit seinen Forderungen das Volk auf. Das wies die SPD zwar zurück, warnte aber zugleich vor Schadenersatzansprüchen, wenn nun Kiesgruben vor dem vertraglichen Ende der Baggerarbeiten dicht gemacht werden sollten. Allerdings bekannte die Fraktion zugleich, die Umweltbelastungen im Stadtgebiet seien schon so groß, dass weitere nicht hinzugefügt werden dürften.

Eher zufällig und noch ohne konkrete Vorstellungen von ihren künftigen Aufgaben war eine Organisation entstanden, „die aus dem kommunalpolitischen Bewusstsein der Stadt nicht mehr wegzudenken Ist“, wie Oberbürgermeister Gerold Noerenberg jüngst öffentlich bekannte. Nur so viel stand für die Gründer fest: Der Umgang mit Landschaft und Natur dürfe in der bis dahin gewohnten Art und Weise nicht weitergehen.

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