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Ulm

29.12.2020

Wie das Viertel "Auf dem Kreuz" zur vielleicht schönsten Wohngegend Ulms wurde

Ein Häuserzug Auf dem Kreuz. Das Ulmer Viertel war noch vor 40 Jahren schmuddelig und verfallen. Heute sind viele Häuser schön renoviert.
Bild: Dagmar Hub

Plus Einst schien die Abrissbirne "Auf dem Kreuz" unausweichlich, heute sind die Häuser dort wunderschön saniert. Unterwegs im vielleicht schönsten Wohnviertel Ulms.

Wer durch das Ulmer Viertel „Auf dem Kreuz“ spaziert und die vielen wunderschön sanierten meist spätmittelalterlichen Häuser sieht, oft mit Attributen nachfolgender Jahrhunderte umgebaut, ahnt nicht, wie es in diesem Viertel um 1980 aussah. Hier ein eingebrochenes Dach, dort eine grau-schmuddelige Fast-Ruine, dazwischen Lücken, wo Häuser nach der Bombardierung Ulms im Dezember 1944 nicht mehr zu retten gewesen waren.

Zum Parken praktisch, sonst schäbig und verfallend – die Abrissbirne schien die einzige Lösung angesichts des Elends. Das Wort von der „Kahlschlagsanierung“ machte im Ulmer Gemeinderat damals die Runde. Ein Glücksfall für Ulm, dass ab dem Ende der 70er Jahre – nach den Bauvorstellungen der 60er und 70er Jahre – ein Umdenken einsetzte. Das Sanieren und Bewahren historischer Gebäude wurde allmählich als identitätsstiftend wahrgenommen.

Ulms damaliger Baubürgermeister Helmut Schaber war es, der den Mut hatte, sich für den Erhalt des Quartiers einzusetzen, das heute nach Einschätzung des früheren Stadtbildpflegers Jörg Schmitz zum Wohnen das schönste Viertel Ulms ist. Meisterhaft gelungen sei die Mammutaufgabe der Sanierung des ganzen Quartiers, die 1978 bis 1999 lief. Erst mit der Stadterweiterung Ulms ab 1316 wurde das Gebiet östlich und nordöstlich der Frauenstraße in den Mauerring um die Stadt einbogen, bebaut dürfte es aber bereits vorher zumindest teilweise gewesen sein.

Einst Schmuddelecke, jetzt das vielleicht schönste Wohnviertel Ulms

Das Haus Bockgasse 7 mit dem alemannischen Erker.
Bild: Dagmar Hub

Ein Spaziergang durch die Bockgasse, die Radgasse, die Hahnengasse, die Griesbadgasse und die Straßen „Auf dem Kreuz“ führt an interessanten Gebäuden vorbei. Wer vor dem Haus Radgasse 14 steht, wundert sich über blaue Keramik im Hauseingang: Die Sanierung dieses Hauses hat der Ulmer Künstler Hermann Geyer, der mit seiner Familie dieses Haus bis zu seinem Tod 2016 bewohnte, mitgestaltet. Macht man an diesem Haus durch einen schmalen Gang hindurch einen Abstecher in die Bockgasse, sieht man zunächst die gelungene Sanierung des Hauses Bockgasse 7 von der Seite, um dann an der Front des Hauses einen alemannischen Erker mit Fensterriegel im ersten Stock bewundern zu können. Das originale Fachwerk dieses Hauses ist komplett erhalten, erklärt Schmitz, der ab 1990 an der Sanierung etlicher Gebäude im Viertel beteiligt war.

Das schmalste offizielle Gässchen Ulms zwischen Radgasse und Hahnengasse.
Bild: Dagmar Hub

Zurück in der Radgasse empfiehlt sich ein Abstecher in eine scheinbare Sackgasse zwischen den Häusern Radgasse 3 und Radgasse 15, denn auf diesem Weg erreicht man die Rückseite des Restaurants Alexis Sorbas – und daneben die schmalste offizielle Gasse Ulms, die zur Hahnengasse führt. Das Haus der Schuhwerkstatt Hans Trips in der Hahnengasse 7 erfuhr in den Jahrhunderten viele Umbauten. Auf der linken Giebelseite ermöglicht ein Stück Mauer mit aufgemalter Quadrierung einen Blick in die Vergangenheit – in eine Zeit, ehe das Haus im Stil des Historismus umgebaut wurde. Das übernächste Gebäude Richtung Osten, Hahnengasse 13, ist für Spaziergänger aufgrund einer starken Krümmung im Querbalken des Fachwerks ein Blickfang. Heute wirkt das Gebäude wie ein in sich geschlossenes spätmittelalterliches Haus. Die Jahreszahl 1550 über der Eingangstür dürfte aber auf jenes Jahr hindeuten, in dem zwei an dieser Stelle damals bereits bestehende Häuser zu einem zusammengefügt wurden. Wobei die linke Hälfte des Gebäudes erheblich älter ist als die rechte, erklärt Schmitz.

Das Viertel "Auf dem Kreuz" zu erhalten, forderte vor 40 Jahren Mut

Noch ein Stück weiter östlich trifft der Spaziergänger auf die ehemalige Sebastianskapelle, die heute eine Galerie ist. Am Westgiebel des Kirchenschiffs sind noch tönerne Fries-Elemente zu sehen, an der Straßenseite eine gotische Lichtnische. Das Kirchenschiff beherbergte die legendäre Werkstatt des Schreinermeisters Wolfgang Ihle, der dort bis 1998 „Ulmer Schränke“ herstellte. Seine Werkstatt ist als privates Museum erhalten.

Haus mit den Jugendstilelementen an der Kreuzung Hahnengasse/Griesbadgasse.
Bild: Dagmar Hub

An der Kreuzung Hahnengasse/Griesbadgasse steht ein interessantes Haus, das im Giebel und an den Seitenwänden Jugendstilelemente zieren; eine Rarität sind auch die Galgenfenster des Hauses mit ihren Klötzchenfriesen. Wendet sich der Spaziergänger in der Griesbadgasse nach links, steht auf der linken Straßenseite ein Renaissancebau. Ein Backsteinbau, die Ziegel am Giebel der Dachgeschosse unverputzt? So sieht es aus, so ist es aber nicht, erklärt Schmitz: Die Ziegel des Gebäudes sind verputzt und die sichtbaren Ziegel nur scheinbare. Sie sind aufgemalt und deshalb so perfekt. Die Renaissance wollte die Realität schöner abbilden als sie war.

An der Kreuzung Griesbadgasse/Auf dem Kreuz steht ein gelungen renoviertes Fachwerkhaus, das im Besitz der Ulmer UWS ist. Eigentlich besteht auch dieses Fachwerkgebäude mit der Hausnummer Auf dem Kreuz 28/29 aus zwei Häusern, die irgendwann zu einem vereint wurden. Das Tennentor mit den Glasschlitzen, um Licht durchzulassen, steht heute praktisch immer offen. Dort im mittelalterlichen Gebäude hat heute die Europäische Donauakademie ihr Zuhause.

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