Du Spatzenhirn! Wer mit der Ulmer Geschichte vertraut ist, weiß genau, dass dies ein Lob und keine Beleidigung ist. Der Haussperling, kurz Spatz genannt, der den Bau des Münsters rettete, ist legendär: Die Ulmer bekamen einen quer auf dem Wagen liegenden Holzbalken nicht durch das Stadttor, bis sie einen Spatzen beobachteten, der einen Grashalm der Länge nach in sein Nest beförderte.
Nicht nur in Ulm gehören Spatzen zum Stadtbild. Mit geschätzt 1,6 Milliarden Exemplaren ist der Haussperling der zweithäufigste Vogel der Erde. Dieser Erfolg ist zwei Dingen gleichermaßen geschuldet: spätzischer Intelligenz und Anpassungsfähigkeit sowie dem Bündnis mit einer weiteren erfolgreichen Spezies, dem Menschen. Seit zehntausend Jahren sind Spatzen als sogenannte Kulturfolger nachgewiesen – also nahezu so lange, wie Menschen Landwirtschaft betreiben.
Der Spatz ziert das Dach des Ulmer Münsters
Mit dem Ackerbau verbreiteten sie sich von ihrem ursprünglichen Lebensraum im Nahen Osten über die ganze Alte Welt. Heute findet man sie auch in Gebieten, wohin sie den Menschen niemals aus eigenen Stücken hätten folgen können. Siedler aus Europa vermissten ihre kleinen Begleiter und importierten sie. Aus wenigen Hundert in New York ausgesetzten Vögeln entstand eine Population, die sich über den ganzen Kontinent erstreckt. Aber ihr Erfolg wurde den Spatzen auch zum Problem: Nach dem Zweiten Weltkrieg galten sie als Schädlinge und wurden bekämpft. Die Umgestaltung der Landwirtschaft mit dem Verschwinden der Hecken an Feldern erwies sich allerdings als weitaus gefährlicher für die Spatzen. Ihre Zahl in Deutschland ist seit Jahrzehnten rückläufig. Von einer ernsthaften Bedrohung kann bei etwa fünf Millionen Brutpaaren hier glücklicherweise noch keine Rede sein.
Übrigens: Spatzen gehören als Vögel wissenschaftlich betrachtet zu den Dinosauriern. Damit ziert das Münsterdach ein Raubsaurier, und Horden kleiner Dinos ziehen jeden Tag durch die Ulmer Gassen! Nehmen Sie sich also einmal einen Moment Zeit, wenn Sie das nächste Mal eine Spatzenbande durch Ulm streifen sehen und beobachten Sie die kleinen Philanthropen-Saurier. Egal, ob sie nun klug, frech oder dreckig sind – es lohnt sich!