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Neuburg

24.01.2020

Ein Neuburger auf Klimaschutz-Mission in der Arktis

Das Forschungsschiff Polarstern auf der Eisscholle, die für ein Jahr als Forschungsstation für die MOSAiC-Expedition dient. Das Foto entstand im Oktober 2019, kurz vor der Polarnacht. 
Foto: Stefan Hendricks

Plus Um Antworten auf den Klimawandel zu bekommen, hat sich ein Forschungsschiff in eine Eisscholle einfrieren lassen. Mit dabei war auch Felix Lauber aus Neuburg.

Es ist die größte Forschungsexpedition in der Arktis, die es jemals gab und die es so in absehbarer Zeit nicht wieder geben wird. Im Oktober vergangenen Jahres hat sich das Forschungsschiff "Polarstern" in eine knapp neun Quadratkilometer große Eisscholle im Nordpolmeer gerammt und lässt sich seitdem mit dem Eis treiben. Das Ziel: Ein Jahr lang werden Wissenschaftler die Arktis erforschen, die sich in den vergangenen Jahren so stark wie keine andere Region auf der Erde erwärmt hat. Es wird vermutet, dass diese klimatischen Veränderungen enorme Auswirkungen auf die gemäßigten Breiten und damit auch auf das Wetter in Deutschland haben wird. Klimaforscher aus 20 Nationen wollen deshalb herausfinden, wie das polare Ökosystem zusammenhängt und welchen Einfluss es auf das weltweite Klima hat.

Dazu wird ein Team aus 600 internationalen Teilnehmern im Laufe des Jahres mit der Polarstern durch das Eismeer driften. Unter den Besatzungsmitgliedern war bis vor Kurzem auch ein Neuburger: Felix Lauber ist 1. Offizier auf dem Polarforschungsschiff. Er hat es zusammen mit zwei Offizierskollegen vom norwegischen Hafen Tromsø in die Arktis navigiert und dort kontrolliert in eine Eisscholle gerammt, damit von dort aus ein Jahr lang intensive Untersuchungen durchgeführt werden können. Das Schiff ist quasi das "Hotel", während draußen auf dem Meereis unter extremen Bedingungen geforscht wird. Drei Monate hat Felix Lauber auf der Forschungsstation verbracht, davon zwei während der arktischen Polarnacht, in der es rund um die Uhr dunkel ist.

Felix Lauber an seinem Arbeitsplatz auf der Brücke (links) und auf Erkundungsgang auf der Eisscholle. Wie kalt es dort ist, beweisen die Eiskristalle an seinen Wimpern und in den Barthaaren.
Foto: privat

Felix Lauber war schon öfter in der Arktis und Antarktis unterwegs

Der Neuburger war nicht zum ersten Mal in der Arktis. Als nautischer Offizier war er mit der Polarstern, dem Flaggschiff unter den Forschungseisbrechern, schon rund 20 Mal in der Arktis und Antarktis unterwegs. Die bisherigen Expeditionen sind jedoch nicht im Ansatz mit der jetzigen zu vergleichen. Sie trägt den Namen MOSAiC (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate) und ist vor allem aus zwei Gründen bislang einmalig: Noch nie zuvor hat sich ein Forschungsschiff für ein ganzes Jahr in eine Eisscholle einfrieren und sich mit ihr auch während des rauen arktischen Winters durch das Eismeer treiben lassen. Und noch nie davor wurden in der Zentralarktis ganzjährige Daten über das gesamte Klimasystem erhoben. Wissenschaftler aus der ganzen Welt haben sich darum gerissen, Teil dieser bahnbrechenden Mission zu sein, die als Meilenstein für die Klimaforschung gilt. "Die Einmaligkeit dieser Geschichte ist überall spürbar", sagt Felix Lauber. "Ich weiß von Wissenschaftlern, die auf Verdacht nach Tromsø reisen und hoffen, dass in letzter Minute irgendjemand ausfällt, dessen Platz sie einnehmen können."

In insgesamt sechs Abschnitten ist die Expedition eingeteilt. Das bedeutet, dass Besatzungsmitglieder und Forscher sechsmal ausgetauscht werden. Die Polarstern bietet Platz für 100 Menschen, am Ende werden also rund 600 Teilnehmer an dem Projekt mitgewirkt haben. Unter ihnen wird es so manchen Wiederholungstäter geben. Auch Felix Lauber kehrt möglicherweise zum Ende der Mission auf die Polarstern zurück, um sie wieder in den Heimathafen in Bremerhaven zurückzubringen.

Der Arbeitstag von Felix Lauber begann auf der Polarstern um Mitternacht

Der 42-Jährige hat das Forschungsschiff und seine Mannschaft nicht nur in die Arktis gebracht, sondern war dort auch für die Sicherheit und die Logistik zuständig. Denn mit den Menschen kommen auch tonnenweise Lebensmittel und wissenschaftliche Ausrüstung an Bord. Laubers Aufgabe war es unter anderem, dass die Gerätschaften – vom Messinstrument bis zum Pistenbully – sicher verladen, transportiert und auf die Scholle gebracht werden. Mit die größte Herausforderung waren dabei die Temperaturen. "Bis etwa minus 40 Grad funktioniert die Technik", weiß Lauber, der im Vorfeld die technischen Grenzbereiche unter Extrembedingungen ausgetestet hat. Wird es allerdings kälter, geht nichts mehr.

Der Arbeitstag auf der Polarstern begann für Felix Lauber um Mitternacht. Auf der Brücke, dem Kommandozentrum, behielt er den Gesamtbetrieb im Auge. Gegen 4 Uhr morgens startete der dann seinen Kontrollgang durchs Schiff, um sich zu vergewissern, dass alle technischen Einrichtungen noch funktionieren. Im Anschluss ging es hinaus in die Kälte. An Deck des Schiffs lauschte er in die arktische Polarnacht hinein. Eine Eisscholle ist kein starres Konstrukt, sondern in sich ständig in Bewegung. Ein hörbares Zeichen dafür sind ächzende, knarzende Geräusche. "Auf so einer Eisscholle können sich Eisplatten zu Verpressungen aufbäumen oder sie ziehen sich auseinander, wodurch Risse entstehen", erklärt Felix Lauber. Dem eingekeilten Schiff macht das nichts aus, wohl aber dem Equipment, das auf der Eisscholle aufgebaut wurde. So brach eines Tages just unter den Fahrzeugen, mit denen sich die Forscher auf der 2,5 mal 3,5 Kilometer großen Eisscholle bewegen, das Eis auf. Die Gefährte konnten vor dem Absturz in das Eismeer gerade noch rechtzeitig gerettet werden.

Felix Lauber an seinem Arbeitsplatz auf der Brücke (links) und auf Erkundungsgang auf der Eisscholle. Wie kalt es dort ist, beweisen die Eiskristalle an seinen Wimpern und in den Barthaaren. 
Foto: privat

Die Polarstern dient den Wissenschaflern in der Arktis als "Hotel"

Gegen 6 Uhr morgens holte sich Felix Lauber "schnell eine Mütze Schlaf". Höchstens vier Stunden ruhte er sich aus, ehe er den notwendigen Schreibkram erledigte und zum Mittagessen ging. Um 12 Uhr mittags stand er dann schon wieder auf der Brücke. Nach dem Abendessen hatte er dann Feierabend, ehe es um Mitternacht wieder von vorne losging.

Die Routine wurde in den ersten Wochen noch durch den spärlichen Wechsel von Tag und Nacht durchbrochen. Doch schon bald brach die Polarnacht über der Arktis herein. Zwei Monate lang sah Felix Lauber nur ins Dunkel, wenn er aus dem Fenster sah. "Da fällt es irgendwann schon schwer, gute Laune zu haben", gibt er zu. Abwechslung vom Wissenschaftsalltag ist in dieser Zeit umso wichtiger: Während Schiff und Scholle gemächlich durch das Polarmeer schwimmen, spielen die Crewmitglieder Wasserball im schiffseigenen Pool, Tischtennis und Fußball oder trinken ein kaltes Bier auf der Eisscholle – was nicht ganz ungefährlich ist. Denn obwohl das Forschungsareal durch Zäune gesichert ist, kann jederzeit aus der Dunkelheit ein Eisbär auftauchen.

Felix Lauber hat jetzt erst einmal Urlaub. Er will nach Südamerika fliegen, wo die Sonne "möglichst hoch" steht. Währenddessen driftet die Polarstern langsam im Zickzackkurs weiter Richtung Grönland, wo sie im Oktober dieses Jahres ankommen und bis dahin aus der schmelzenden Eisscholle wieder "freigetaut" sein soll.

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