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Neuburg an der Donau

15.11.2017

Er kennt die Neuburger Straßen wie kein anderer

Tausende Neuburger haben dank ihm eine der ersten großen Prüfungen ihres Lebens abgelegt. Nur zwei Schüler sind in den 50 Jahren ohne Führerschein gegangen, erzählt Karl-Heinz Bauer, der dienstälteste Fahrlehrer Neuburgs: „Ein paar Stunden mehr und sie hätten es auch geschafft.“
Bild: Bastian Sünkel

Tausende haben von ihm Autofahren gelernt. Karl-Heinz Bauer ist seit 50 Jahren Fahrlehrer in Neuburg. Bei einer Autofahrt durch die Stadt hat er viel zu erzählen.

Wer keine Fehler macht, fährt nicht. Karl-Heinz Bauer weiß, was er sagen muss, damit die Aufregung vom Fahrersitz verschwindet. Auch mich beschwichtigt er mit diesem Satz. Denn kurz bevor ich ihn in seiner Fahrschule antreffe, habe ich wenige Meter vor der Hofeinfahrt einem anderen Fahrschulauto die Vorfahrt genommen. Rechts vor links. Ein Klassiker.

Karl-Heinz Bauer, 74, ist lange im Geschäft. Ein halbes Jahrhundert ist er mit Schülern durch die Straßen Neuburgs gefahren, hat als Geschäftsführer und Fahrer eines Busunternehmens jedes Land Europas bereist. Er hatte berühmte Passagiere an Bord, wie Stardirigent Kurt Masur. Doch was ihm wirklich am Herzen liegt, sind nicht die großen Namen, sondern die Kunst, einem Neuling am Steuer die Angst zu nehmen. Er will junge Leute auf die Straße schicken, denen er zuvor seine Philosophie mit auf den Weg gegeben hat: Ruhe bewahren.

Am Samstag hat der dienstälteste Fahrlehrer der Stadt Glückwünsche und Blumen zum Abschluss seines 50. Berufsjahres erhalten. Zwei Tage später steigt er mit mir in das knallrote Fahrschulauto. Ich auf dem Fahrersitz, er auf seinem angestammten Lehrerplatz mit dem Bremspedal im Fußraum. Zusammen wollen wir testen, was man 13 Jahre nach der Führerscheinprüfung verlernt hat, welche Straßen in Neuburg besonders tückisch sind und was sich in der Stadt tun muss, damit der Verkehr fließt.

St.-Andreas-Straße, Einfahrt auf die B16: Wer regelmäßig die Unfallmeldungen liest, kommt um diesen neuralgischen Knotenpunkt in Neuburg nicht herum. Drei Menschen, erinnert sich Karl-Heinz Bauer, sind in den letzten zwei Jahrzehnten an dieser Kreuzung gestorben. Ein Kreuz steht als einsame Mahnwache auf dem Grünstreifen. Diese Nachrichten belasten Fahrlehrer Bauer. Wenn Fahranfänger verunglücken, lag er schon mal nachts wach und hat sich gefragt, ob er als Lehrer hätte einen Unfall verhindern können. Ein, zwei, drei Fahrstunden mehr... Aber die Straße ist manchmal eben unberechenbar.

Stopp! Der Fahrlehrer tritt auf die Bremse. Der gerade Weg in Rödenhof endet mit einem unauffällig-blauen Fußgängerschild und der Botschaft „Anlieger frei“. Würde ein Prüfer hinter mir sitzen, wäre die Praktische nun vorbei. Führerschein ade. In den vergangenen Jahren hat sich einiges in der Ausbildung der Fahrschüler getan, erzählt Karl–Heinz Bauer so unaufgeregt, wie er eine Fahrstunde begleitet. Die Prüfer legen mehr Wert auf das „vorausschauende Fahren“. Gang rausnehmen, rollen lassen, keine Vollbremsungen vor roten Ampeln. Computer haben die mattgelben Prüfungsbögen ersetzt. Die Schüler lernen in Gruppen und über ihre Smartphones. Und eine Neuerung sei „das Beste, was in den letzten Jahren“ gemacht wurde. Karl-Heinz Bauer spricht über das begleitete Fahren und wie Fahranfänger schon als 17-Jährige davon profitieren können. Im besten Fall lernt der Neuling aus der Erfahrung seines Nebenmanns und nimmt den Beifahrer als Partner wahr.

In der Sudetenlandstraße wird der Verkehr dichter. An den Bordsteinen reihen sich die Autos aneinander und wir fahren auf einen Supermarkt-Parkplatz: einparken. Der Verkehr hat sich seit den Anfängen seiner Altstadtfahrschule deutlich vermehrt. 1967 hat der damalige Zeitsoldat und Fahrausbilder Karl-Heinz Bauer die Altstadtfahrschule dank einer Gesetzeslücke gründen können. Ab diesem Zeitpunkt war er für ein paar Jahre Soldat und Unternehmer. Neuburg war kleiner, die Straßen verhältnismäßig leerer und die Fahrschüler hatten Übungsstunden, die aus heutiger Sicht unvorstellbar klingen. In Begleitung eines Polizisten wurde betrunken gefahren. Erst an die Theke, dann ins Fahrschulauto. Die Fahrschule wanderte weiter: Erst an den Wolfgang-Wilhelm-Platz, 1987 in die Heideckstraße, wo Bauer und seine Kollegen bis heute den Nachwuchs und Berufskraftfahrer ausbilden.

In besänftigendem Ton flüstert mir der Fahrlehrer zu: „Jetzt wären Sie durchgefallen.“ Ich schau mich um. Wir stehen. Vor uns die obligatorische Feierabendverkehr-Schlange an der Bullinger-Kreuzung – und wir? Auf dem Zebrastreifen. Wäre alles nicht passiert, wenn der Stau nicht wäre. Hat vielleicht der erfahrenste Fahrlehrer Neuburgs eine Idee, wie sich die Staus verhindern lassen? Mindestens eine Brücke müsse her, sagt er. Aber nicht nur das. Der Fahrlehrer nimmt ein Bild zur Hilfe: „Man muss sich den Straßenverkehr wie die Adern im Körper eines Menschen vorstellen. Sind die Hauptwege verstopft, fließt nichts mehr.“ Er meint damit, die Stadt müsse viel Geld in die Hand nehmen und die Hauptverkehrsadern von den Parkplätzen befreien. Das Zauberwort sei außerdem „Entflechtung“. Die Stadt wäre weniger verstopft, würden nicht zu bestimmten Zeiten alle Bewohner ihre Kinder an die Schulen, zur Arbeit und zum Einkaufen fahren. Er wünsche sich, dass die Schulen und Unternehmen zu unterschiedlichen Zeiten beginnen. Nicht alle auf einmal.

Vielleicht sind die Autofahrer dann auch weniger gereizt. Neulich, erzählt Fahrlehrer Bauer, ist er an seinem freien Tag mit seinem Hund durch die Stadt gefahren. Natürlich vorausschauend. Er weiß ja, wie die Ampeln schalten. Seinem Hintermann ging das nicht schnell genug, obwohl der Fahrlehrer versichert, dass es kein schnelleres Durchkommen gebe. An der Bullinger-Kreuzung überholt ihn der Verfolger, kurbelt das Fenster herunter und ruft: „Wo haben Sie denn den Führerschein gemacht?!“ Die Beifahrerin stößt den aufgebrachten Mann in die Rippen: Bauer und die Frau haben sich erkannt. Sie war seine Fahrschülerin.

Wir steigen aus. Fahrlehrer Bauer sagt, er würde mir sein Auto anvertrauen. Ich sei immer ruhig geblieben. Ich hingegen bin von meiner Leistung entsetzt. Aber auch dafür hat der Fahrlehrer eine Lösung: Ein Schüler braucht nicht immer eine Belehrung, sondern manchmal einfach eine Umarmung, sagt er und umarmt mich. Karl-Heinz Bauer will weiter fahren. So lange, sagt er, wie er fühlen kann, was seine Schüler brauchen.

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