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Neuburg

13.04.2018

Gedenken auf Schritt und Tritt

Die jungen Frauen, die im Gleichschritt die Treppe im Hofgarten erklimmen, kennen den Krieg nur aus Erzählungen. Nur wenige Meter entfernt erinnert ein Kriegerdenkmal an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und die Menschen, für die er ganz real war – bis hin zum Tod. Es ist nicht die einzige Stelle in der Stadt, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart weist.
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Die jungen Frauen, die im Gleichschritt die Treppe im Hofgarten erklimmen, kennen den Krieg nur aus Erzählungen. Nur wenige Meter entfernt erinnert ein Kriegerdenkmal an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und die Menschen, für die er ganz real war – bis hin zum Tod. Es ist nicht die einzige Stelle in der Stadt, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart weist.
Bild: Marcel Rother

Neuburg steckt voller Erinnerungen. Gedenktafeln, Stelen, Büsten – überall ruft die Vergangenheit. Ein Rundgang durch die Stadt und ihre Geschichte.

Eigentlich kennt sie jeder – zumindest müsste sie jeder einmal gesehen haben. Oder wenigstens an ihr vorbeigelaufen sein, bewusst oder unbewusst. Die Rede ist von einer 50 mal 60 Zentimeter großen Gedenktafel im Zentrum der Unteren Altstadt. Ihr eiserner Körper schimmert matt in der Sonne. Sie hängt da, wo sich Passanten die Nasen an Schaufenstern platt drücken, Kinder am Brunnen spielen und Marktleute ihre Waren anpreisen. Direkt am Neuburger Schrannenplatz. Und doch kennt die Tafel kaum einer. Wären Tafeln Mauerblümchen, sie wäre ein Paradebeispiel: Alle laufen dran vorbei, keiner nimmt sie wahr. Vielmehr ist jeder verblüfft, der überhaupt von ihrer Existenz erfährt, sie dann sucht, um sie erneut zu übersehen und schließlich doch zu finden: Die Gedenktafel am Modehaus Brenner, die in reliefartigen Lettern an den Neuburger Ehrenbürger Paul Winter erinnert. Sie ist nur eine von vielen Stellen in Neuburg, an denen Geschichte lesbar wird. Mal im Verborgenen, mal offensichtlich. Manchmal will die Vergangenheit gesucht werden, manchmal springt sie einem ins Auge, als wolle sie sagen: Vergiss mich nicht.

Ein paar Meter entfernt steht ein solches Exemplar. Spitz, groß, dunkel – ein Keil, an dem es kein Vorbei gibt. Das Kriegerdenkmal im Hofgarten. Es erinnert an den deutsch-französischen Krieg und seine Gefallenen. Und steht für etwas Größeres. Die Schrecken des Krieges, das Böse schlechthin. Ein Mahnmal aus der Vergangenheit, das in die Gegenwart reicht und verhindern will, dass sich Geschichte wiederholt – zumindest dieser Teil. Dahinter steht Geschichtsoptimismus: Der Mensch ist lernfähig und Geschichte nicht nur das, was vorbei und unter der Erde oder zwischen Buchdeckeln begraben ist. Sie ist auch das, was den Mensch zu dem macht, was er ist und in Zukunft sein will.

Alles was das Dasein prägt ist Teil einer Überlieferung

Aus diesem Grund wird in Neuburg nicht nur Menschen oder Kriegen gedacht. Es werden Häuser unter Denkmalschutz gestellt (siehe Obere Altstadt), Nationalparks errichtet (siehe Donau-Auen – oder auch nicht) und Traditionen bewahrt (das Feldgeschworenenwesen ist in ganz Bayern immaterielles Unesco-Kulturerbe). Alles was unser Dasein prägt ist Teil einer Überlieferung, Teil von Geschichten, mithin Geschichte. Daraus stricken sich Gesellschaften und jedes einzelne Mitglied ihre Identitäten, mal mehr, mal weniger bewusst. Viele Bestandteile dieser Erinnerungs- und Selbstvergewisserungskultur haben ihre Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen. Auch in Neuburg winkt alle paar Meter Geschichte.

Von Politik über Religion bis Kunst ist alles dabei. Steigt man die Treppen im Hofgarten hinauf zur Oberen Altstadt, entdeckt man an vielen Häusern Inschriften, die Zeugnis über die vergangene Nutzung oder die einstigen Bewohner ablegen. Geht man die Amalienstraße entlang, fast bis an ihr westliches Ende, prangt an einem der Häuser eine kreisrunde, schwarze Tafel, die in goldenen Buchstaben an Regina Mingotti erinnert. Die weltberühmte italienische Operndiva, die vor mehr als 200 Jahren auf Bühnen in Paris, London und Verona sang und ihren Lebensabend in Neuburg verbrachte. Gewusst? Eben.

Ein Mini-Tempel in bester Wohnlage

Durchs Rote Tor raus aus der Altstadt, den Donauwörther Berg rauf, rechts, und schon steht man staunend in bester Wohnlage vor einem Tempel im Miniaturformat. Dem Luisentempel. Der Antike nachempfunden erinnert er an die Befreiungskriege gegen die napoleonische Besetzung (1812 bis 1815) und trägt seinen Namen zu Ehren der preußischen Königin Luise. Ein feiner Zug. Am großen Geschichtsrad wird auch gegenüber, auf der anderen Seite des Donauwörther Bergs, gedreht. Auf der Hohen Schanze reihen sich die Zeugnisse der Vergangenheit auf wie an einer Perlenschnur: Ottheinrichturm, Mariengrotte, Kreuzigungsgruppe. Sie stand einst im ehemaligen Ursulinerinnenkloster, dort, wo heute das Studienseminar tagt. Querverweise überall, geballte Erinnerung, total Recall. Ortswechsel. Nicht dass einer auf die Idee käme, nur im Westen der Stadt werde der Vergangenheit gedacht. Auf auf der anderen Seite der Stadt, im Osten, ist das Gedenken nicht zu Ende. Ein Beispiel: Das Isabella Braun Denkmal im Englischen Garten ruft die gleichnamige Jugendbuchautorin ins Gedächtnis, deren Beispiel für die Emanzipation bis in die Gegenwart strahlt.

Andere Artefakte sind über die Jahre verschwunden. Weil Häuser abgebrannt sind, der Krieg sie genommen oder die Natur sich ihrer bemächtigt hat. Wie die Gedenktafel, die früher am „Petri-Heil-Stein“ am Donauufer stand. Sie verschwand im Zuge der Donauregulierung im Fluss. Die Erinnerung blieb, zunächst im Stillen. Sie wurde schriftlich und mündlich tradiert, bis sie erneut Gestalt annahm. Als Ersatz für die Tafel wurde im vergangenen Jahrhundert hoch oben am Finkenstein das Fischerkreuz aufgestellt. Warum der Aufwand? Erstens: Der Donaubereich um den Finkenstein gehört seit Jahrhunderten zu den oberen Fischrechten der Neuburger Fronfischer. Und zweitens: Neben seiner heimatkundlichen Bedeutung ist der Finkenstein eines der ältesten Naturschutzgebiete Bayerns und weltweit einziger Standort des Bayerischen Federgrases und damit von herausragendem ökologischen Interesse.

Schatzkammer über und unter der Erde

Die Verflechtungen, aus denen sich die Bedeutung speist, die wir den Dingen zuweisen, ist endlos. Einige finden ihren Niederschlag im öffentlichen Raum. Andere sind aufbewahrt in Büchern, Bildern, Fotos, Audio- und Videodateien. Ein atombombensicherer Stollen bei Freiburg beherbergt seit 1975 die Schatzkammer der Kulturnation Deutschland. Das gigantische unterirdische Archiv bewahrt Dokumente aus mehr als tausend Jahren Geschichte – für den Fall, dass das Land noch einmal zerbombt wird. Andere sind weniger schwer zu finden. Es genügt ein Schritt vor die Haustür. In Gassen, auf Plätzen und in Parks zeugen sie von der Geschichte der Stadt. An nur einem Tag unternimmt man nicht nur eine Wanderung und lernt beiläufig zentrale Plätze kennen. Sondern reist auf dem Zeitstrahl rückwärts und taucht ein in die Vergangenheit. Die der Stadt, des Landes, der Welt und der eigenen. Sie zu kennen, kann nicht schaden.

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