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Karlshuld

24.05.2018

Interview: „Ich bin eher Moralist“

Adelhard Winzer, geboren 1948 in Karlshuld, lebt heute zusammen mit seiner Lebensgefährtin in Trostberg im Chiemgau. 

Adelhard Winzer stammt aus Karlshuld. Im März hat der heute 70-Jährige ein Buch herausgebracht, das rund 100 Parabeln, Legenden und andere Kurzgeschichten umfasst. Wie seine Herkunft sein Werk beeinflusst hat.

Herr Winzer, im März dieses Jahres erschien „Die Sprachgrenze. Geschichten.“ - Ein Band, der mehr als 100 Ihrer Kurzgeschichten beinhaltet. Um was geht es in diesen Erzählungen?

Adelhard Winzer: Es geht um Gefühle, Personen und Ereignisse, die das Herz betreffen, um Menschen in der Fremde. Gleichzeitig mag ich Wortverdrehungskünstler wie etwa Ernst Jandl, weil auch ich mit der Sprache spielen, sie spalten und auf sie aufmerksam machen möchte.

Letzteres verankern Sie im Titel Ihres Werks: „Die Sprachgrenze.“

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Winzer: Das ganze Leben ist ja eine Grenzüberschreitung, egal ob psychisch oder physisch. Ein Beispiel: Während meiner Zeit als Bäckerlehrling im Donaumoos hat mein Meister eine Bäckerei in Untermaxfeld gekauft. Da kam oft ein Junge in den Laden und verlangte nach „einen“ Semmel. Ein kleiner Unterschied, der durch die Grenzüberschreitung in einen anderen Ortsteil deutlich wird.

Sie stammen ursprünglich aus Karlshuld im Donaumoos?

Winzer: Ja, dort bin ich geboren. Die Kinderjahre habe ich auf dem Bauernhof meines Onkels verbracht. Eine herrliche Zeit: Die Freiheit, das Rumtoben als Kind, die Kühe und die Pferde, das war alles sehr aufregend.

Thematisieren Sie Ihre Herkunft auch in Ihren Geschichten?

Winzer: Etwas weiter hinten im Buch findet sich beispielsweise der „Geburtsort“, ein Text, der sich direkt mit der Geschichte von Karlshuld und dem Donaumoos befasst. Früher war das Moorgebiet. Leute aus allen Richtungen Deutschlands sind ins Moos gekommen, um sich dort anzusiedeln. Der „Geburtsort“ ist meine Variation davon.

Sie absolvierten zunächst eine Lehre als Bäcker, entdeckten aber zugleich die Musik für sich.

Winzer: Ich war sehr empfänglich für Musik, vor allem für Gitarrenmusik.

Sie schafften es sogar, sich als Berufsmusiker im Ausland zu etablieren.

Winzer: Ja, das war in den 1970ern, da war ich mit einer Tanzmusikgruppe in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs.

Und parallel dazu haben Sie mit dem Schreiben begonnen?

Winzer: Abends hatten wir gespielt, tagsüber war Zeit. So habe ich den Fernkurs „Technik des Schreibens“ belegt, den die Studiengemeinschaft Darmstadt angeboten hat. Vier Jahre habe ich das ganze Programm nach Anleitung gelernt: Journalismus, Beschreibungen, Kurzgeschichten, Theaterstücke. Das hat mich für die Sprache geformt.

Inwiefern?

Winzer: Man soll nicht einfach darauf losschreiben. Eine Geschichte sollte immer einen Sinn ergeben, die Menschen betreffen.

Demnach gehen Sie mit System an eine Geschichte heran?

Winzer: Nein, ich setze mich nicht hin und nehme mir vor, eine Parabel zu schreiben. Es passiert einfach. Ich schreibe und merke, dass es etwas ergeben könnte. Erst im Nachhinein kommt die quälende Arbeit: Was ist es, eine Parabel, eine Legende? Was habe ich da eigentlich geschrieben?

Und die Inspiration, woher schöpfen Sie diese?

Winzer: Sie kommt von außen, von der Umgebung, oft auch als Traum. Bei „Das Haus“ war das zum Beispiel der Fall, die Geschichte von der einsamen Frau, die ihr Haus verkaufen möchte. Eines Nachts bin ich aufgewacht und habe mich gefragt, von was die Geschichte überhaupt handelt, wie der Schluss aussehen soll. Da wusste ich es.

Wie ist denn Ihr Selbstverständnis als Autor? Sind Sie Kritiker?

Winzer: Ich bin eher Moralist, ich beobachte gerne – und viel.

Ihr Steckenpferd ist die Kurzgeschichte?

Winzer: Eine Sache kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen, das ist mein Thema.

Dabei verwenden Sie skizzenhafte Stilformen wie etwa die Parabel.

Winzer: Ich mag es, wenn man Dinge nicht direkt sagt, sondern nur andeutet. Der Auslöser fürs Schreiben war für mich der Roman „Unterwegs“ von Jack Kerouac. Unterbewusst beeinflusst hat mich dahingehend wohl auch „Andorra“ von Max Frisch.

War „Die Sprachgrenze“ ein gezieltes Projekt Ihrerseits?

Winzer: Es war ein Prozess, es hat sich entwickelt. Die Sammlung beinhaltet auch Geschichten, die teilweise 20 Jahre alt sind.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich alle Texte unter dem Aspekt „In der Fremde“ zusammenfassen lassen.

Winzer: Dazu habe ich mir viele Gedanken gemacht. Ich habe alle Geschichten ausgedruckt, auf den Boden gelegt und versucht, die passende Ordnung zu finden wie bei einem Puzzle.

Auf ein Inhaltsverzeichnis haben Sie allerdings verzichtet. Absicht?

Winzer: Ja, die Geschichten sind fast wie ein kleiner Roman, sie sind ineinander verschlüsselt und vermischt. Alles soll ein Bild, eine Art Novellenkranz ergeben, der sich am Ende um die Fremde dreht.

Apropos Fremde, das Motiv „Italien“ kommt oft in ihren Texten vor. Hat das einen bestimmten Grund?

Winzer: Überhaupt habe ich eine Affinität zu Italien. Die Menschen geben sich dort viel offener und freier. Als Kind habe ich das auf dem Bauernhof in Karlshuld so erlebt. Meine Zeit in Italien, und ich war oft in Italien, hat mich daran erinnert.

Gibt es einen anderen Grund?

Winzer: Menschen in der Fremde haben es grundsätzlich schwer. Damals waren es Italiener bei uns. Heute sind es vielleicht Syrer.

Ein nach wie vor aktueller Hintergrund also. Claudio, ein Mann mit offensichtlich italienischem Namen, ist Protagonist in sieben Ihrer Kurzgeschichten. Was hat es mit diesem Charakter auf sich?

Winzer: Hier kommt Max Frisch mit „Marion und die Marionetten“ ins Spiel, aber auch Bertolt Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“: Brecht experimentiert mit der Figur und seinen Ansichten. Das hat mich geprägt. Claudio ist eine einsame Person, lebt für sich, kommt nicht aus sich heraus. Er will mitmachen, kann oder darf es aber nicht. Vielleicht ist es auch seine Schuld.

Die Figur einzuordnen bleibt demnach dem Leser überlassen?

Winzer: Auf jeden Fall. Vielleicht verlange ich zu viel. Trotzdem erwarte ich einen emanzipierten Leser. Es ist mir wichtig, dass man sich eigene Gedanken macht. Interview: Elisa Glöckner

Buchtipp „Die Sprachgrenze. Geschichten.“ von Adelhard Winzer umfasst über 100 Kurzgeschichten. Es ist für 9,50 Euro zu kaufen.

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