1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Mehr Freiheit für Pflegebedürftige

Neuburg-Schrobenhausen

11.06.2013

Mehr Freiheit für Pflegebedürftige

Eine Pflege ohne Gurt und Gitter – das soll es nach Möglichkeit künftig auch im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen geben. Der Landkreis hat gestern mit dem Amtsgericht einen Kooperationsvertrag über den „Werdenfelser Weg“ unterschrieben.
Bild: Werner Krüper/epd

Jedes Jahr entscheidet das Amtsgericht, dass 250 Menschen in Pflegeeinrichtungen im Landkreis in ihren Betten fixiert werden müssen. Das soll sich ändern

Neuburg-Schrobenhausen Wenn im Alter die Kraft in den Beinen nachlässt, das Gleichgewicht immer schwieriger gehalten werden kann oder der Befehl vom Kopf in die Gliedmaßen mitunter Sekunden dauert, dann nimmt die Gefahr von Stürzen immer mehr zu. Dieses Risiko wollten Pflegeeinrichtungen bislang minimieren, indem sie pflegebedürftige Menschen zu ihrem eigenen Schutz ans Bett oder an den Stuhl gegurtet haben. Denn hat sich ein Heimbewohner bei solch einem Sturz verletzt, musste sie vor der Krankenkasse Rechenschaft ablegen.

Das soll sich jetzt ändern: Mit dem „Werdenfelser Weg“ – einem Projekt, das nach dem Modellversuch im Werdenfelser Land in Garmisch-Patenkirchen benannt ist – sollen künftig Fixierungsmaßnahmen auf ein Minimum reduziert werden. Gestern haben der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen und das Amtsgericht Neuburg, das als das zuständige Betreuungsgericht Fixierungen genehmigen muss, einen entsprechenden Kooperationsvertrag geschlossen.

Rund 250 Anträge auf Fixierungen hat das Amtsgericht bislang pro Jahr genehmigt. Diese reichen von Bettgittern über Gurte an Armen, Beinen oder um den Bauch bis hin zu einem festgebundenen Oberkörper am Stuhl. So soll vermieden werden, dass die Betroffenen aus dem Bett oder Stuhl fallen und sich verletzen. Auch wenn die Maßnahmen zur Sicherheit der Alten- und Pflegeheimbewohner sind – unangenehm seien sie trotzdem, vor allem für Demenzkranke, die in aller Regel nicht verstünden, warum sie festgebunden würden, sagt Betreuungsrichter Georg Berger.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Deshalb sollen Fixierungen künftig vermieden werden, wo es geht. Sobald eine freiheitsentziehende Maßnahme ansteht, werden speziell geschulte Verfahrenspfleger eingeschaltet, die mit der Pflegeeinrichtung alternative Möglichkeiten ausloten, beispielsweise ein niedrigeres Bett, Protektoren an Ellbogen, Knien oder Hüfte, die Stürze abfedern, oder ein Walker, eine Laufhilfe für Erwachsene. Sie alle haben ein Ziel: den Betroffenen in seiner Bewegungsfreiheit so wenig wie möglich einzuschränken – auch wenn dadurch ein Restrisiko für Stürze bleibt. Doch sollte es dazu kommen, ist die Pflegeeinrichtung im Rahmen des Werdenfelser Weges abgesichert und muss sich vor der Krankenkasse nicht rechtfertigen.

Das Modell, das 2007 in Gamisch-Patenkirchen eingeführt wurde, hat sich eine Delegation aus Neuburg-Schrobenhausen in einer dortigen Einrichtung angeschaut. Das Pflegepersonal sei durchwegs von der Anti-Fixierungs-Strategie überzeugt gewesen. „Denn es ist nicht so, dass die Pflegekräfte die Leute gerne ans Bett gegurtet hätten“, erzählt Christian Kutz von der Abteilung Senioren und Betreuung am Landratsamt. Es seien eher die Angehörigen, die aus einem starken Schutzempfinden heraus zu einer Fixierung tendieren würden.

So sei er auch im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen offene Türen eingerannt, als er alle stationären Einrichtungen im Landkreis über die Pläne informiert habe. „Es gab niemanden, der Bedenken angemeldet hat“, versichert er. Mittlerweile wurden aus allen Einrichtungen Mitarbeiter informiert und in der praktischen Umsetzung geschult. Aus ihren Reihen rekrutieren sich auch die beiden Verfahrenspfleger, die künftig bei einer Entscheidung pro/contra Fixierung mitwirken werden.

Die neue Richtlinie tritt zum 1. Juli in Kraft.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
DSC_0598b.jpg
Rennertshofen

Keime im Trinkwasser der Rennertshofener Rosenstraße

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen