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Neuburg

28.01.2021

Neuburger Gastronom Anis Chaalali: „Die meisten meckern auf hohem Niveau“

„Die meisten meckern auf hohem Niveau“, sagt der umtriebige Neuburger Gastronom Anis Chaalali zur derzeitigen Corona-Lage. Dabei gebe es Menschen, die wirklich in Not sind.
Foto: Stephanie Pilick, dpa (Symbol)

Plus Der Neuburger Gastronom Anis Chaalali macht im Internet immer wieder mit sozialen Aktionen auf sich aufmerksam. Wie viel Eigen-PR dahinter steckt und wie er selbst durch die Krise kommt.

Anis Chaalali, der Wirt des Gasthauses Pfafflinger in Neuburg, ist ein umtriebiger Gastronom. Im Interview erzählt er, wie viel Eigen-PR hinter seinen sozialen Aktionen steckt, wie er selbst durch die Krise kommt und warum er findet, dass derzeit viele Menschen auf hohem Niveau meckern.

Herr Chaalali, sehen Sie sich selbst als Mustergastronom?

Anis Chaalali: Nein. Mustergastronom ist ein großes Wort. Vor allem, da ich mich erst vor einem Jahr als Gastronom selbstständig gemacht habe. Es gibt mit Sicherheit andere, die besser sind als ich.

Sie sind recht umtriebig. In den sozialen Netzwerken machen Sie immer wieder mit Aktionen auf sich aufmerksam. Beispielsweise haben Sie Hunderte FFP2-Masken an Bedürftige verschenkt. Was steckt hinter diesem Engagement?

Chaalali: Für mich zählt immer zuerst das Menschliche – unabhängig von meinem Beruf. Seien wir ehrlich: Die meisten von uns meckern auf einem ziemlich hohen Niveau. Dabei gibt es immer Menschen, denen es deutlich schlechter geht als einem selbst. Wenn man denen nicht in der jetzigen Zeit hilft, wann dann?

Pfafflinger in Neuburg: Gastronom Anis Chaalali im Interview

Sie sind ein Geschäftsmann. Wie viel Eigen-PR steckt hinter solchen Aktionen?

Chaalali: Wenn ich an die Öffentlichkeit gehe und so etwas im Internet poste, will ich nicht PR für mich machen. Es geht mir um zwei Punkte: Die Hilfe soll bei Bedürftigen ankommen und ich möchte andere motivieren, es mir gleich zu tun.

Anis Chaalali
Foto: Chaalali

An Ihren eigenen Betrieb denken Sie dabei überhaupt nicht?

Chaalali: Natürlich habe ich den immer im Hinterkopf. Aber das sind zwei Paar Stiefel. Wenn ich Masken verschenke, hat das nichts mit meiner Gaststätte zu tun. Wenn ich auf diese Weise Werbung für mein Essen machen müsste, würde etwas schief laufen. Den Leuten muss es schmecken, damit sie wiederkommen. Niemand kauft mein Essen, nur weil ich Masken verschenke.

Um bei der Masken-Aktion zu bleiben: Wie groß ist der Bedarf dafür?

Chaalali: Der Bedarf ist groß. Das liegt auch daran, dass Politiker ihre Versprechen nicht einhalten. Von den angekündigten Masken für Bedürftige haben bis vor Kurzem nur wenige etwas gesehen. Am Anfang habe ich 150 gekauft. Weil die Nachfrage so hoch war, habe ich auf 500 Stück aufgestockt. So gut wie alle sind weg.

Wer genau kommt in so einem Fall eigentlich zu Ihnen?

Chaalali: Das sind vor allem Menschen ab 60. Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, und nun mit 500 Euro im Monat auskommen müssen. Solche Menschen gibt es in unserer Gesellschaft mehr, als man denkt.

Sie haben vor einigen Wochen angekündigt, Obdachlose in Ihrem leeren Gasthaus unterzubringen. Was wurde daraus?

Chaalali: Die Stadt Neuburg hat mir mitgeteilt, dass es dafür angeblich keinen Bedarf gibt. Also habe ich mich selbst auf die Suche begeben. Ich habe drei Menschen gefunden, die derzeit bei mir kostenlos schlafen und essen. Sie konnten in Corona-Zeiten ihre Miete nicht mehr bezahlen oder wurden von ihrem Partner vor die Türe gesetzt – sie würden jetzt ansonsten auf der Straße leben. Außerdem liefere ich ein- bis zweimal in der Woche Essen an das Obdachlosenheim.

Neuburger Gastronom Anis Chaalali: "Mitnahmegeschäft läuft gut"

Man könnte meinen, Sie als Gastronom hätten während der Pandemie selbst Hilfe nötig.

Chaalali: Das ist so. Von den versprochenen Hilfen des Staates habe ich noch nichts gesehen. Aber ich kann mich über Wasser halten. Das Mitnahmegeschäft läuft gut, auch wenn der Umsatz nicht vergleichbar mit der Zeit vor der Krise ist. Ich bin der Meinung, dass man auch und gerade in einer solchen Situation links und rechts schauen muss, wem es noch schlechter geht.

Der Neuburger Gastronom Anis Chaalali lieferte zuletzt Essen in Wohnmobile an der Neuburger Schlösslwiese.
Foto: Schopf

Wie bewerten Sie als Gastronom die aktuellen Corona-Regelungen?

Chaalali: Grundsätzlich möchte ich nicht an der Stelle der Politiker stehen. Aber ich spüre immer mehr Wut bei den Menschen, weil gefühlt jede Woche etwas Neues beschlossen wird. Auch ich sehe es als Problem, dass man überhaupt nicht planen kann. Da geht es beispielsweise um Personal oder Lebensmittel. Es wäre einfacher, wenn man wüsste: Zwei Monate lang geht überhaupt nichts, und danach kann es wieder aufwärtsgehen.

Sie haben vor einem Jahr eine Stelle in der Automobilbranche in Ingolstadt aufgegeben und das Pfafflinger in Neuburg übernommen. Angesichts von Corona: Bereuen Sie diesen Schritt?

Chaalali: Hätte man das vorher gewusst, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt. Aber ich bereue den Schritt nicht. Ich war schon immer jemand, der gerne Risiko eingeht. Wer das nicht tut, wird sich immer auf der Stelle bewegen.

Zur Person: Geboren ist Anis Chaalali, Sohn tunesischer Einwanderer, in Eichstätt. Er absolvierte eine Ausbildung zum Kunststoffmechaniker und arbeitete bis 2019 in der Automobilindustrie in Ingolstadt, bis er das Gasthaus Pfafflinger in Neuburg übernahm. Der 34-Jährige wohnt mittlerweile in Wettstetten (Kreis Eichstätt) und hat drei Kinder. Seine Hochzeit konnte im vergangenen Jahr wegen Corona nicht stattfinden.

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